Rund 6000 Geburten begleitet

Luzia Brand, die als Hebamme im Spital Wattwil und im ganzen Toggenburg tätig war, wird von Ralph Brühwiler gewürdigt. Das Buch gibt vor allem in den Kapiteln über die Jugend und die Ausbildung Einblicke in eine ganz andere Welt.

Martin Knoepfel
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LICHTENSTEIG. Die rührendste Szene kam, als der offizielle Teil zu Ende ging: Die Enkelkinder von Luzia Brand rannten nach vorne und umarmten die Grossmutter spontan und herzlich. Und dann musste Luzia Brand gut eine Stunde lang die Signierwünsche der Besucher erfüllen.

Am Freitagabend fand im vollbesetzten Chössi-Theater, Lichtensteig, die Doppel-Vernissage des Toggenburger Jahrbuchs 2014 (siehe Zusatztext) und des Buchs von Ralph Brühwiler über Luzia Brand statt.

Lange Arbeitszeiten

Für Luzia Brand war es schon als Kind klar, dass sie Hebamme werden wollte – und so meldete sie sich mit 18 Jahren zur Hebammenschule in St. Gallen an und wurde angenommen, obwohl das Mindestalter 20 war.

Die Ausbildung sei streng gewesen. Die Schülerinnen wohnten im Spital in Fünferzimmern und wurden auch nachts gerufen, wenn sie etwas lernen konnten, etwa, um bei einem Kaiserschnitt oder einer Geburt mit der Saugglocke zuzuschauen.

Sie habe unglaublich viel gelernt bei den rund 2000 Geburten im Jahr, bei denen die Hebammenschülerinnen dabei waren, sagt Brand. Und sie erwähnt lobend, dass Chefärzte und der Kantonsapotheker sich Zeit nahmen, den Hebammenschülerinnen Theorieunterricht zu geben. Luzia Brand, die nach der Ausbildung in der Frauenklinik in St. Gallen angestellt wurde, leistete am ersten Tag gleich Nachtdienst – und begleitete in dieser Nacht sieben Frauen, die Kindern das Leben schenkten, alle sieben waren Knaben.

Luzia Brand lockerte den Abend auch sonst mit Müsterchen aus ihrer Tätigkeit auf. So waren Ende der 60er Jahre des letzten Jahrhunderts mehrere Winter sehr hart. Einmal fuhr ein Mann seine Frau, bei der die Wehen eingesetzt hatten, ins Spital Wattwil. Kurz vor dem Spitaleingang blieb das Auto stecken. Luzia Brand rannte – in Strümpfen, da es so rascher ging und mit dem Hebammenkoffer in der Hand – aus dem Haus zum Auto. Als sie dort ankam, war der Kopf des Kindes schon zu sehen, und die Geburt erfolgte im Auto.

«Rosinenpicken»

Er habe die Rosinen aus dem Füllhorn der Erinnerungen von Luzia Brand herauspicken können, sagte Ralph Brühwiler dem Toggenburger Tagblatt. Er sei sehr dankbar, dass er das Buch über Luzia Brand habe schreiben dürfen. «Sie hat so vielen Menschen Freude bereitet, die positive Erinnerungen an Luzia Brand haben und an die Zeit, da sie Mütter oder Väter wurden.»

Das Buch sei fast neun Jahre unterwegs gewesen, sagte Verlagsleiter Marcel Steiner. Dann ging es sehr rasch, ergänzte Brühwiler, Luzia Brand habe ihm im Dezember 2012 das Hebammenzimmer in der «Rössli-Schüür» in Libingen gezeigt. Danach hätten Luzia Brand und er sich 15mal – Brand: «19mal» – zu Gesprächen getroffen, die Brühwiler auf Tonband aufnahm. Wobei sich die beiden schon früher begegnet waren: Luzia Brand betreute 1992 Brühwilers Frau im Wochenbett.

Sieben Schauplätze

Gegliedert ist das Buch in sieben Schauplätze, beginnend mit Libingen und dem Chratztobel, in dem Luzia Hollenstein auf dem Bauernhof ihrer Eltern aufwuchs und wo sie später als Dorfhebamme in die Fussstapfen der Mutter trat. Es folgen Kapital über die Ausbildung, die Wanderjahre und die Zeit als Hebamme am Spital Wattwil, wo Luzia Brand 38 Jahre arbeitete.

Mit den beiden letzten Kapiteln über ihre Tätigkeit als freischaffende Hebamme – wo sie in zehn Jahren 232 000 Kilometer mit ihrem roten Auto zurücklegte – kehrt das Buch wieder in die Welt von Libingen zurück, mit Kapiteln über das Hebammenhaus und das -zimmer in der «Rössli-Schür».

Ergänzt wird das Buch durch Statements von Männern und Frauen, denen Luzia Brand begegnet ist, etwa bei der Pflege von Müttern im Wochenbett – genannt sei Andrea Abderhalden, die Frau des dreifachen Schwingerkönigs – oder als Ausbildnerin junger Hebammen. Illustriert ist das Buch mit stimmungsvollen Fotos von Katja Niederöst und mit historischen Bildern.

Ralph Brühwiler: «Ein Leben lang unterwegs zum Leben. Luzia Brand, Hebamme im Toggenburg», Toggenburger-Verlag.