«Rumsitzen ist nichts für mich»

Dieses Jahr hat Charles Cemin seinen 80. Geburtstag gefeiert. An den Ruhestand denkt der Wattwiler Uhrmacher aber noch lange nicht. Jeden Tag arbeitet er im Schmuckgeschäft beim Bahnhof, das mittlerweile sein Sohn führt. Hier übt er nicht bloss einen, sondern gleich drei Berufe aus.

Mirjam Bächtold
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Charles Cemin ist stolz, dass er die feinen Uhrwerke noch reparieren kann. Im Atelier über dem Geschäft verbringt er mehrere Stunden täglich. (Bild: Mirjam Bächtold)

Charles Cemin ist stolz, dass er die feinen Uhrwerke noch reparieren kann. Im Atelier über dem Geschäft verbringt er mehrere Stunden täglich. (Bild: Mirjam Bächtold)

WATTWIL. Mit ruhigen Händen dreht Charles Cemin die winzige Schraube aus dem Uhrwerk. Die Haut seiner Finger ist rauh von der vielen Handarbeit. Mit einer Pinzette zieht er eines der Rädchen aus dem Werk. «Ich kann noch das kleinste Damenuhrwerk reparieren», sagt der Uhrmacher stolz. «Natürlich geht es jetzt etwas langsamer als früher, aber ich bin froh, dass ich noch so fit bin.» Seine 80 Jahre sieht man Charles Cemin nicht an. Er arbeitet noch jeden Tag neun Stunden im Atelier und im Geschäft. Am liebsten sitzt er am Werktisch für die Goldschmiedearbeiten. Diesen Beruf hat er nebenbei noch gelernt. «Ich sass immer zwischen den zwei Goldschmieden, die bei mir angestellt waren und lernte das Handwerk von ihnen.» Vor allem hartlöten war neu für ihn, die anderen Arbeiten waren ähnlich wie die seines ursprünglichen Berufs.

Von Rapperswil ins Toggenburg

«Eigentlich wollte ich Architekt werden, aber ich wollte nicht mehr weiter zur Schule gehen», erzählt Charles Cemin. Also entschied er sich dafür, wie bereits seine Eltern die Uhrmacherschule in Solothurn zu besuchen. Das Geschäft seiner Eltern in Jona konnte er nach der Ausbildung nicht übernehmen, weil es bereits seiner älteren Schwester versprochen war. «Am liebsten hätte ich bei Bucherer gearbeitet, aber dort hätte ich bloss 250 Franken im Monat verdient.» Also kam der Rapperswiler 1956 ins Toggenburg. Seine erste Stelle trat er in der Wildhauser Filiale der Bijouterie Anderegg an. Doch schon nach vier Monaten kündigte Charles Cemin wieder. Mit 20 Jahren und 2000 Franken Eigenkapital kaufte er sein erstes Schmuckgeschäft an der Ebnaterstrasse. Seine Eltern liehen ihm 5000 Franken, damit er sich den Kauf leisten konnte. 1958 übernahm Charles Cemin ein anderes Geschäft an der Poststrasse. Im gleichen Jahr heiratete er Ottilie Adam, die er an der Uhrmacherschule kennengelernt hatte. «Sie war für mich immer eine grosse Stütze und hat das Geschäft stark geprägt», sagt Charles Cemin.

In der Nacht gelernt

1962 kaufte der Uhrmacher Land an der Bahnhofstrasse und ein Jahr später konnte er mit seiner Frau und seinen Mitarbeitern das neue Geschäft beziehen. Um sich gegen die Konkurrenz zu behaupten, besuchte Charles Cemin Kurse bei der Schweizerischen Gemmologischen Gesellschaft, wo er sich ein grosses Wissen über Edelsteine aneignete.

Er zieht einen Ordner aus dem Regal und blättert einige Seiten durch. Neben einer Skizze mit der Übersicht zum Diamantenschliff sind die Erklärungen in Cemins fein säuberlicher Handschrift aufgeführt, die so klar und exakt ist, dass sie aussieht wie gedruckt. Auch seine Karteikarten besitzt Charles Cemin immer noch, mit denen er für die Prüfungen gelernt hat. Die Buchstaben sind winzig, kaum zwei Millimeter hoch. In mehreren Nachtschichten hat der Uhrmacher sie geschrieben und auswendig gelernt. «Jetzt brauche ich eine Brille, um sie zu lesen. Aber ich habe ja einen guten Optiker in der Familie», sagt Cemin und lacht bei der Anspielung auf das Optikergeschäft seines Sohnes René nebenan.

Der Beruf bleibt in der Familie

Charles Cemins älterer Sohn André ist in die Fussstapfen seines Vaters getreten und hat ebenfalls an der Uhrmacherschule seine Ausbildung abgeschlossen. Zudem hat er in Los Angeles Gemmologie studiert. Auch sein Sohn, Charles Cemins Enkel Nicola, absolvierte die Uhrmacherschule, die sich heute in Grenchen befindet, und studierte Gemmologie in London. «Ich freue mich sehr, dass der Beruf in der Familie bleibt», sagt Charles Cemin. Und er ist besonders stolz auf die Auszeichnung, die die Familie kürzlich von der Uhrmacherschule erhalten hat: Zum ersten Mal haben drei Generationen nacheinander alle mit hervorragenden Leistungen abgeschlossen. Charles Cemins Tochter Isabelle, die jüngste der drei Geschwister, machte eine Goldschmiedelehre. «Sie hat für die Firma Frieden gearbeitet und durfte Schmuck im Wert von mehreren Millionen Franken entwerfen», erzählt Charles Cemin stolz. Heute arbeitet sie jedoch als Fachfrau Betreuung.

In Zukunft etwas kürzertreten

1993 hat Charles Cemin das Geschäft seinem Sohn übergeben. Dass sein Angestellter plötzlich sein Chef war, sei für ihn überhaupt kein Problem gewesen. «Wir sind immer sehr gut miteinander ausgekommen. Ich vertraue André und habe die Verantwortung gerne ihm übergeben.» Jetzt ist Charles Cemin der Angestellte seines Sohnes und arbeitet immer noch sehr gerne mit. Für die Zukunft hat er sich aber vorgenommen, etwas kürzerzutreten. «Meine Frau hat es verdient, dass ich mehr Zeit mit ihr verbringe.» Er will einen oder zwei Tage weniger arbeiten. «Aber gar nichts mehr tun und einfach rumsitzen, das kann ich nicht.»

Familie Cemin im Jahr 1966: Charles und Ottilie (hinten) mit den Kindern André, Isabelle und René (von links nach rechts). (Bild: pd)

Familie Cemin im Jahr 1966: Charles und Ottilie (hinten) mit den Kindern André, Isabelle und René (von links nach rechts). (Bild: pd)

Druck (Bild: MIRJAM BÄCHTOLD)

Druck (Bild: MIRJAM BÄCHTOLD)