RUHESTAND: «Man traut diesen Menschen zu wenig zu»

Die Lichtensteigerin Rita Roos war zwölf Jahre lang Direktorin der grössten Fachorganisation der Schweiz für Menschen mit Beeinträchtigung – der Pro Infirmis. Diese Aufgabe bezeichnet die heute 66-Jährige als grosses Geschenk.

Martina Signer
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Rita Roos war Anwältin, Regierungsrätin, fast Bundesrätin und schliesslich Direktorin der Pro Infirmis. Nun geniesst sie ihren Ruhestand im Toggenburg. (Bild: Martina Signer)

Rita Roos war Anwältin, Regierungsrätin, fast Bundesrätin und schliesslich Direktorin der Pro Infirmis. Nun geniesst sie ihren Ruhestand im Toggenburg. (Bild: Martina Signer)

Frau Roos, wir gehen gleich an die Fachhochschule St. Gallen. Warum?

Am Ende meiner zwölfjährigen Tätigkeit als Direktorin von Pro Infirmis möchte ich mir mit Ihnen zusammen ein neues Angebot der Pro-Infirmis-Geschäftsstelle St. Gallen/Appenzell anschauen, das ich sehr interessant finde: den Lehrgang für Selbstvertretung.

Worum geht es konkret?

Dieser Kurs verkörpert die Grundhaltung von Pro Infirmis sehr anschaulich: das Recht von Menschen mit einer Behinderung, ihr Leben gleichberechtigt und ohne Diskriminierung selber zu bestimmen und autonom zu leben. Noch immer wird Menschen mit einer Beeinträchtigung viel zu wenig zugetraut, und sie werden noch allzu oft nicht ernst genommen. Der Kurs befähigt sie, ihre Bedürfnisse zunächst einmal wahrzunehmen, sie aber auch auszusprechen und durchzusetzen. Sie lernen, wie und mit welchen Mitteln sie dies erfolgreich tun können. Oft ist der erste Schritt, zu erkennen, was ich wirklich will, schon nicht einfach, und noch viel schwieriger ist es, die eigenen Bedürfnisse durchzusetzen.

Wie schätzen Sie das Angebot nach dem Besuch ein?

Ich bin von diesem Projekt sehr überzeugt und begeistert, weil es Menschen mit einer Beeinträchtigung gerade dort Unterstützung für ein selbstbestimmtes Leben anbietet, wo sie gestärkt werden müssen. Die Kursteilnehmenden sind im Kurs differenziert und selbstbewusst aufgetreten. Das Angebot ist, wie wir sehen konnten, wirkungsvoll. Das Projekt Selbstvertretung von Menschen mit Beeinträchtigung ist inzwischen zu einem ordentlichen Lehrgang ausgebaut worden.

Wer hat dieses Angebot initiiert?

Pro Infirmis SG/Appenzell. Die Kurse werden von Elfie Schläpfer, Heilpädagogin, an der Fachhochschule St. Gallen durchgeführt. Auch der Durchführungsort ist ein klares Bekenntnis von Pro ­Infirmis zu integrierten Weiterbildungsangeboten für beeinträchtigte Menschen. Die Ostschweizer Pro-Infirmis-Stellen (TG/SH, GR, GL, SG/AI/AR) haben ergänzend eine Fachstelle zur Förderung von Selbstvertretung aufgebaut. Diese informiert Menschen mit Behinderung und ihre Angehörigen, andere Fachstellen, Heime, Behörden und Politiker über Themen der Selbstvertretung und Inklusion.

Können Sie eine Veränderung in der Wahrnehmung der Mitmenschen gegenüber Menschen mit Beeinträchtigung feststellen?

Ich meine, gewisse Veränderungen festzustellen, weil das Thema inzwischen stärker positioniert ist. Gleichstellung und Zugänglichkeit für Menschen mit Beeinträchtigungen sind in Schule und Beruf, im öffentlichen Verkehr, im Baubereich auch öffentlich diskutierte Themen. Auch in den Medien, in Kunst und Kultur treffen wir immer häufiger Menschen mit Beeinträchtigungen entweder als aktiv Schaffende oder in der Situation der Protagonisten an. So befassen sich Kinofilme oder auch TV-Beiträge vermehrt mit der Situation von Menschen mit verschiedenen Behinderungen, von Körper- über Sinnes- bis zu psychischen Behinderungen.

In welcher Form trägt die Pro Infirmis dazu bei?

In erster Linie durch die Unterstützung von Menschen mit Beeinträchtigungen. Durch unsere Sozialberatung und weitere Dienstleistungen, um möglichst selber über ihr Leben zu bestimmen und selbstständig leben zu können. Wichtig waren auch unsere regelmässigen, recht provokativen Plakat- und Filmkampagnen zur Sensibilisierung der Bevölkerung für Menschen mit Behinderungen und ihre Anliegen. Die Kampagnen haben weltweit grosse Beachtung gefunden und viele Auszeichnungen erhalten. Dies vielleicht gerade deshalb, weil wir das Handicap der Behinderten, vor allem in den Plakatkampagnen, bewusst in den Fokus gesetzt haben. Dies mit dem Slogan «Wir lassen uns nicht behindern».

Gibt es etwas, dass Sie täglich motiviert hat?

Ja, für mich war es wichtig, dass meine Tätigkeit Sinn macht, dass ich damit etwas Positives bewirken kann. Ich konnte damit einen Beitrag für unsere Gesellschaft leisten. Schon immer habe ich mich für Gleichberechtigung und für unsere verfassungsmässigen Grundrechte eingesetzt. Der Einsatz für Menschen, die unsere besondere Unterstützung brauchen, liegt mir am Herzen. Das liegt wohl in meinem Naturell. Meine Tätigkeit als Geschäftsführerin war zudem sehr vielseitig und jeden Tag aufs Neue interessant. Ich habe meine Arbeit mit grosser Überzeugung und viel Herzblut ausgeübt.

Sie hatten ein arbeitsintensives Berufsleben. Ist der Übergang in den Ruhestand schwierig?

Bis jetzt nicht. Ich habe noch einige Engagements, so zum Beispiel im Vorstand des Johanneum. Auch gibt es jetzt zu Hause in Lichtensteig viel nachzuholen, was über die Jahre meiner Berufstätigkeit liegen blieb. Mein Mann und ich freuen uns, dass wir öfter und spontaner gemeinsame Aktivitäten unternehmen können. Dann ist da unsere 14-jährige Entlebucher Sennenhündin Isa, die etwas mehr Zeit braucht und mir auf Schritt und Tritt folgt. Auch der Garten, den ich sehr geniesse, verlangt viel Unterhalt und Pflege, gerade in dieser Jahreszeit. Ich freue mich, jetzt viel häufiger Freunde und Bekannte zu treffen, was früher nicht so spontan möglich war. Das ist eine neue und besondere Lebensqualität.

Was bedeutet Ihnen das Toggenburg?

Ich bin mit 14 Jahren von Lichtensteig nach Fribourg gezogen, wo ich das Gymi und das Jurastudium an der Uni absolviert habe. Es folgte eine Zeit an der Uni Basel, und anschliessend erwarb ich das Anwaltspatent in Luzern. Und dann ging es zurück ins Toggenburg. Die Trennung von Luzern fiel mir nicht leicht. Doch damals wurde mir bewusst, was wir im Toggenburg alles haben und was unsere Region lebenswert macht: Neben der schönen Landschaft und Natur verfügen wir über eine Kantonsschule, ein Spital, eine reiche Kulturszene. Das Toggenburg hat eine interessante Geschichte und hat grosse Persönlichkeiten hervorgebracht, wie zum Beispiel Jost Bürgi: Es ist eine eigentliche «Schatztruhe» – man muss nur genauer hinschauen, um diese Schätze zu entdecken. Heute sind wir auch verkehrsmässig gut erschlossen und damit gar nicht so «ab der Welt».

Sind Sie glücklich im Thur- und Neckertal?

Ja, sehr. Vor allem war es in den letzten Jahren immer schön, abends von Zürich nach Hause zu kommen. Hier kann sich die Seele auftun, und ich kann freier atmen als in der dicht besiedelten und hektischen Stadt. Das habe ich genossen.

Anwältin, Politikerin, Direktorin

Rita Roos-Niedermann war von 2005 bis 2016 Direktorin von Pro Infirmis Schweiz. Zuvor war sie längere Zeit als Anwältin im Büro Roos-Niedermann tätig und absolvierte zwischen 2000 und 2002 an der UCSD (Universität von Kalifornien, San Diego, USA) einen Diplomlehrgang in Management und an der Universität von San Diego School of Law einen Master of Law in internationalem Recht. Zwischen 1996 und 2000 war Rita Roos-Niedermann Regierungsrätin des Kantons St. Gallen und stand dem Volkswirtschaftsdepartement vor. Ausserhalb ihrer beruflichen Tätigkeiten hatte Rita Roos-Niedermann verschiedene politische Ämter und ehrenamtliche Funktionen inne: So war sie bis 1996 Mitglied des St. Galler Kantonsrats, Mitglied im Universitätsrat der HSG (Universität St. Gallen) und Mitglied im Stiftungsrat der St. Gallischen Kulturstiftung. Heute engagiert sie sich nebenberuflich im Vereinsvorstand des «Johanneum – Lebensraum für Menschen mit Behinderung» und ist Mitglied der Business and Professional Women Toggenburg (BPW), einem weltweiten Netzwerk berufstätiger Frauen. (pd)