Die Herisauer FDP-Einwohnerratsfraktion sorgt sich um die Rahmenbedingungen für Unternehmen und fordert von der Gemeinde ein aktives Vorgehen

Mit einem Postulat fordern die FDP Einwohnerräte von der Gemeinde Antworten zur Strategie in Bezug auf die Gewerbe- und Industrieflächen. Grund des Vorstosses: Heute bestehe kaum mehr verfügbares Bauland, was die Entwicklung von Firmen beeinträchtige und eine Neuansiedlung verhindere.

Alessia Pagani
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Das 3,6 Hektaren grosse Gewerbegebiet Nordhalden ist einer der drei Entwicklungsschwerpunkte in Herisau.

Das 3,6 Hektaren grosse Gewerbegebiet Nordhalden ist einer der drei Entwicklungsschwerpunkte in Herisau.

APZ

62 Hektaren eingezonte Industrie- und Gewerbefläche, davon 18 unbebaut – das ist das Ergebnis einer Prüfung der Gemeinde Herisau in Bezug auf die Arbeitszonen. Grundlage dafür bildet das Postulat «Industrie – und Gewerbebauland für Herisau» der FDP-Einwohnerratsfraktion aus dem Jahr 2018, worin Antworten rund um die aktuelle Situation gefordert werden. Die Fraktion verlangt zudem vom Gemeinderat Aussagen zu den Strategien und Massnahmen zur Entwicklung der Industrie- und Gewerbezone. Grund für den Vorstoss: Es bestehe heute kaum mehr verfügbares Bauland für Industrie und Gewerbe. Die FDP-Einwohnerratsfraktion zeigt sich besorgt um die Rahmenbedingungen für die Entwicklung bestehender sowie die Ansiedlung neuer Betriebe. Herisau war schon immer ein bedeutender Industrie- und Gewerbestandort und der kantonale Richtplan definiert Herisau als «kantonales Zentrum» mit einer überörtlichen Bedeutung als Wirtschaftsstandort und damit als Schwerpunktgemeinde bezüglich Arbeitsplätzen. Das soll aus Sicht der FDP-Fraktion auch zukünftig so bleiben.

Karin Jung, FDP Einwohnerrätin Herisau

Karin Jung, FDP Einwohnerrätin Herisau

PD

62 Hektaren entsprechen etwa 62 Fussballfeldern. Dies tönt auf den ersten Blick nach viel. Das sagt auch FDP-Einwohnerrätin Karin Jung und konkretisiert:

«Es ist zwar einiges an Bauland eingezont, dieses ist aber meist nicht verfügbar.»

Einerseits seien verschiedene Parzellen nicht verkäuflich oder würden von Unternehmen als Reserve gehalten, andererseits seien auch viele Flächen unternutzt. Jung nennt als Beispiel die «Untere Fabrik». «Abgesehen davon liegen die Gewerbe- und Industrieflächen teilweise an falschen Orten.» Wenig attraktiv seien auch Kleinstflächen, wo kaum ein produzierendes Gewerbe Platz finde, sagt Jung. Die FDP fordert die Gemeinde zum Handeln auf. Karin Jung:

«Bauland für Gewerbe und Industrie ist für eine Weiterentwicklung wichtig. Wir erwarten von der Gemeinde, dass sie sich diesem Thema aktiv annimmt.»

Prioritäre Behandlung für Bahnhof und Cilander

Der Vorstoss zeigt Wirkung: Wie aus der Antwort des Gemeinderats hervorgeht, hat sich dieser intensiv mit der Thematik auseinandergesetzt und ein Arbeitszonenmanagement erstellt. Demnach lässt er sich von vier Grundsätzen leiten. Erstens erhalten die als Entwicklungsschwerpunkte ausgewiesenen Gebiete Hölzli/Cilander sowie Bahnhof eine prioritäre Behandlung. Im Gebiet Cilander/Hölzli soll weiterhin das produzierende Gewerbe im Vordergrund stehen und der zur Verfügung stehende Boden optimal genutzt werden. Auf dem 7,3 Hektaren grossen Bahnhofareal soll die Ansiedlung von Dienstleistungsbetrieben gemischt mit neuem Wohnraum Priorität haben.

Ebenfalls vorrangig wird die Nordhalden mit ihren 3,6 Hektaren Gewerbefläche behandelt. In der grössten zusammenhängenden Arbeitszonenreserve der Gemeinde sollen Betriebe für das produzierende Gewerbe angesiedelt werden. Momentan laufen die Erschliessungsarbeiten. Zweitens sollen arbeitsplatzintensive Nutzungen an bereits erschlossenen und gut erreichbaren Lagen angesiedelt sein, flächenintensive Nutzungen an bereits bestehenden, dezentralen Lagen wie etwa im Schachen oder in der Walke.

Kurt Geser, Gemeindepräsident von Herisau

Kurt Geser, Gemeindepräsident von Herisau

Benjamin Manser

Als dritten Punkt sollen Arbeitsgebiete an schwer erschliessbaren Lagen zu Mischgebieten umgenutzt werden. Viertens kommt eine Erweiterung der Arbeitszone nur bei ausgewiesenem Bedarf und an ausreichend erschlossener respektive gut erschliessbarer Lage in Frage. Laut kantonalem Richtplan ist eine Erweiterung nur zulässig, wenn andernorts die gleiche Fläche ausgezont wird.Herisaus Gemeindepräsident Kurt Geser erklärt zudem:

«Eine Reduktion der Arbeitsflächen ist nicht möglich.»

Der Gemeindepräsident verweist darauf, dass genügend Bauland in der Gewerbe- und Industriezone zur Verfügung stehe, verneint allerdings nicht, dass es viele ungenügend genutzte Flächen gibt, und nennt als Beispiel jene beim Aldi. Geser dazu:

«Es gilt proaktiv auf die Eigentümer zuzugehen, Gespräche zu führen und zu vermitteln.»

Generell sei es das Ziel, die Entwicklung im Rahmen der gegebenen Möglichkeiten aktiv zu steuern. «Baulandreserven für Gewerbe und Industrie sind wichtig, weil Unternehmen wachsen, sich verändern oder neu ansiedeln. Herisau als kantonales Zentrum will, respektive muss, sich langfristig als Wohn- und Arbeitsort weiterentwickeln können.»

Unternehmen ziehen Konsequenzen

Herisau weist gemäss Zahlen aus dem Jahr 2017 eine Fläche von 2516 Hektaren aus, davon sind 435 der Siedlungsfläche zugeschrieben. Fehlendes Gewerbe- und Industriebauland ist immer wieder ein Thema. Ein Beispiel: Die Fluora Leuchten AG siedelte 2017 mit ihren 50Mitarbeitenden nach Flawil über. Die Begründung: Die Produktionsabläufe sollten vereinfacht werden, Bauland für eine ebenerdige Produktionsstätte in der Industriezone sei in Herisau nicht vorhanden gewesen.

Präsident der Ausserrhoder Industrie wünscht sich aktivere Bodenpolitik

Die Nachfrage nach Gewerbe- und Industriebauland ist im ganzen Kanton durchaus vorhanden. Dies bestätigt Urs Alder, Präsident der Ausserrhoder Industrie:

«Es gibt immer wieder Interessenten aus den verschiedensten Bereichen, welche sich für Bauland interessieren.»
Urs Alder, Präsident Ausserrhoder Industrie

Urs Alder, Präsident Ausserrhoder Industrie

PD

Alder spricht von einem «heiklen Thema». Ein Umstand, den es bei der ganzen Thematik zu berücksichtigen gebe, seien einerseits die Bedürfnisse der Interessenten sowie der Anwohnerinnen und Anwohner, andererseits aber auch die hiesige Topografie. «Wir sind ein Kanton, in dem das produzierende Gewerbe im Mittelpunkt steht. Oft wird ebenerdiges Land gesucht. Dies braucht Platz, der nicht immer gegeben ist», so Alder weiter. Durch den Mangel an grossen und ebenerdig verfügbaren Flächen seien Neuansiedlungen von produzierenden Firmen oft schwierig oder kämen nicht zustande. Aus den genannten Gründen sei es bedauernswert, dass in Herisau beispielsweise das grundsätzlich gut erschlossene Gebiet «Untere Fabrik» für eine Weiterentwicklung blockiert sei.

Obwohl Urs Alder von einer insgesamt «guten Situation für die Industrie» spricht, sieht er Verbesserungspotenzial. Kritik übt er unter anderem daran, dass das neue Regierungsprogramm allzu stark das Wohnen akzentuiere und zu wenig integral auch die Wirtschaft und den Verkehr fokussiere.

«Wir brauchen neue Arbeitsplätze und entsprechend die Ansiedlung neuer Betriebe.»

Nach Urs Alders Ansicht müssten Gemeinden eine aktivere Bodenpolitik betreiben, reinen Wohnraum-Spekulanten weniger Freiraum überlassen und noch stärker Einfluss auf eine ausgewogene Diversifikation zwischen Wohnraum, Arbeitsraum und öffentlichem Raum nehmen.

Gute Verkehrsanbindung als wichtiger Aspekt

Wie der Präsident der Ausserrhoder Industrie allerdings zu bedenken gibt, ist die Neuansiedlung von Unternehmen nicht einzig und alleine vom verfügbaren Boden abhängig. Einen ebenso wichtigen und bedeutenden Teil mache die Verkehrsanbindung aus. Alder dazu:

«Eine gute Verkehrsanbindung ist für Firmen ein grosses Anliegen und spielt beim Standortentscheid eine übergeordnete Rolle. Ein guter Zugang zu den Arbeitsplätzen ist wichtig.»

Der Industrieverein setzt sich denn auch für den Zubringer Appenzellerland ein. «Er ist ein wichtiger Aspekt in Bezug auf den Arbeitsstandort Appenzellerland und ganz allgemein volkswirtschaftlich entscheidend für eine gesunde Weiterentwicklung unserer beiden Halbkantone.» Erfreut zeigt sich Alder über die Zustimmung zum Bahnhofsprojekt Herisau. «Die Weiterentwicklung und Optimierung des öffentlichen Verkehrs ist ebenso wichtig, wie diejenige des Individualverkehrs.»