Rückwärts aus dem Fenster gelehnt

Der SC Herisau und Trainer Patrick Henry trennen sich. Angesichts der Vorgeschichte, Resultate und Eindrücke ist diese Art von «Marschhalt» keine Überraschung, sondern die logische Meldung als Folge einer Entwicklung.

Lukas Pfiffner
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Der SC Herisau und Trainer Patrick Henry trennen sich. Angesichts der Vorgeschichte, Resultate und Eindrücke ist diese Art von «Marschhalt» keine Überraschung, sondern die logische Meldung als Folge einer Entwicklung. Die Realität hat mit den Ansprüchen des Vereins derzeit etwa so viel gemeinsam wie die Spieler des Stanley-Cup-Siegers Chicago Blackhawks mit jenen Kindern, die im Winter jeweils auf der Eisfläche vor dem Herisauer Schulhaus Waisenhaus herumkurven.

Der SCH hat sich in der Aufarbeitung der vergangenen Saison und der Weichenstellung für 2010/11 weit aus dem Fenster gelehnt und die Mannschaft komplett neu mit auswärtigen Spielern zusammengestellt. Eine Vorwärtsstrategie war deklariert. Die Verschiebungen in der Tabelle verliefen seit der letzten Oktoberwoche allerdings rückwärts.

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Wenn ein Verein mit der grossen Finanzkelle anrührt, als Transfersieger gilt und praktisch vollständig auf Leute aus den eigenen Reihen verzichtet, darf er auch verlieren. Er hat aber faktisch nur eine Möglichkeit: Er muss in der Mehrheit überzeugende bis spektakuläre Heimauftritte abliefern, hat Anhänger und Sponsoren zufriedenzustellen. Gewiss, das Spiel gegen 1.-Liga-Meister Winterthur verlief stimmungsvoll, es wurde erst noch siegreich beendet.

Und sonst? Wer gesehen hat, wie sich Patrick Henrys Enttäuschung vor zwei Wochen nach der Derby-Niederlage in Uzwil via Fusstritt an einem Kästchen im Kabinengang manifestiert hat; wer am Mittwoch bemerkt hat, wie rasch er nach der Sirene und einem Händedruck mit dem Gästetrainer unter der Tribüne verschwunden ist, der weiss, mit welchem Ehrgeiz Henry seiner Arbeit nachgekommen ist und die (Playoff-)Ziele erreichen wollte. Diese Momentaufnahmen sind aber wohl auch Hinweise auf den Druck, den er gespürt hat.

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Als vor fast genau einem Jahr Yves Narbel entlassen wurde, hatten die Verantwortungsträger im Verein das Gefühl, dass durch geringe Einflussnahme des Trainers eine Wohlstandsverwahrlosung im Kader eingetreten war. Diesmal galt dies nicht.Beim SCH stimmen schlicht die Resultate und Leistungen zu lange nicht mehr, während die Gegner längerfristig überraschen (Bülach), eine Erfolgsserie starten (Ceresio) oder den «Rank» Kraft ihrer spielerischen respektive moralischen Klasse doch noch finden (Dübendorf, Uzwil).

Ja, Nachbar Uzwil, durchsetzt mit einer ganzen Reihe eigener Junioren und einer guten Handvoll Spieler mit Herisauer Nachwuchs-Vergangenheit.

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Dass zwei Akteure, denen eine wichtige Rolle zugetraut wurde, aus gesundheitlichen respektive beruflichen Gründen dem SCH in keinem Meisterschaftsspiel zur Verfügung standen, ist der Führung nicht anzulasten.

Dass einem anderen auswärtigen Spieler mit speziellem Karriereverlauf eine Chance gegeben wurde und dieser sie – als neuer Hoffnungsträger gemeldet – geradezu jämmerlich «wegschmiss», war vielleicht nicht mehr Pech. Und dass die jugendlichen Partnerspieler aus Zug und Rapperswil einmal erfreulich mitspielen, einmal schlecht mitspielen, dann wieder gar nicht mitspielen, war vorhersehbar. Ihnen ist die Misere nicht anzulasten.

Anderen Spielern schon, die nicht das leisten wollen oder können, was ihrer Reputation und ihrer Entlöhnung entspricht. In der zuletzt gezeigten Verfassung wird der SC Herisau die Playoffs nicht erreichen. Es bleibt dann in der Abstiegsfrage der Anker, dass Wetzikon weiter überall und stets verliert. Es kann sein, dass Herisau die Rückkehr zu System und Wirksamkeit schafft.

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Wenn die jungen Leute aus den eigenen Reihen in der laufenden Saison aber so gut wie nicht zum Einsatz kommen, die erfahrenen Spieler weiterhin nicht zu einer Einheit finden und weder Auftritte noch Resultate stimmen, liesse sich bald dreierlei sagen: Die sportliche Führung des Traditionsvereins hätte planungstechnisch versagt. Sie hätte sich für die Ungleichheit zwischen finanziellem Aufwand und spielerischem Ertrag zu verantworten.

Und der SCH würde in einem argen Perspektiven-Problem im Hinblick auf die nächste(n) Saison(s) stecken. Möchte jemand jeden Herbst im Sportzentrum 19 neue Spieler sehen?

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