Rücktritte in den GEmeindepräsidien
Nach der Rücktrittswelle: Wie hart ist der Alltag als Gemeindepräsidentin wirklich? Inge Schmid gibt persönliche Einblicke

Anfang Dezember haben gleich vier Gemeindepräsidenten ihren Rücktritt eingereicht. Dies in vielen Fällen aufgrund des öffentlichen Drucks. Eine, die während ihrer Amtszeit oft am öffentlichen Pranger stand, war Inge Schmid aus Bühler. Wie sie damals mit der Kritik umging, hat sie uns verraten.

Astrid Zysset
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Inge Schmid war zwischen 2004 und 2019 Gemeindepräsidentin von Bühler.

Inge Schmid war zwischen 2004 und 2019 Gemeindepräsidentin von Bühler.

Bild: PD

Gleich vier Gemeindepräsidentinnen und Gemeindepräsidenten in Appenzell Ausserrhoden haben Anfang Dezember innert einer Woche ihren Rücktritt eingereicht. Katharina Zwicker, Gemeindeoberhaupt in Grub, wird pensioniert. Aber in Wald, Herisau und Lutzenberg waren persönliche Gründe ausschlaggebend, um das Amt niederzulegen. In letzterer Gemeinde sprach Maria Heine Zellweger davon, dass sie die Exponiertheit des Amtes unterschätzt habe. Der öffentliche Druck wurde ihr zu gross. Ihr Herisauer Amtskollege Kurt Geser äusserte sich ähnlich. Auch er habe die Amtsführung unterschätzt. Und in Wald seien unter anderem die Querelen innerhalb des Gemeinderates ausschlaggebend gewesen, dass Edith Beeler vom Präsidium Abstand nehmen will.

Eine, welche den öffentlichen Druck wie auch die verschiedenen Auffassungen und Positionen innerhalb des eigenen Gemeinderates kennt, ist Inge Schmid. Von 2004 bis 2019 war sie Gemeindepräsidentin von Bühler. Wegen des Adressstreits oder auch, weil die Totalrevision der Gemeindeordnung an der Urne bachab geschickt wurde, stand sie in den Schlagzeilen. Und schon mehrfach wurde sie in ihrer Funktion als Gemeindepräsidentin herausgefordert, letztmals 2019, als Gemeinderat Jürg Engler ihren Führungsstil kritisierte und selbst das Präsidium übernehmen wollte. Die verpatzte Wiederwahl vergangenes Jahr umschreibt Schmid heute nach wie vor als «schweren Schlag», den sie und ihre Familie verkraften mussten.

Immer in der Sandwichposition

Aber wie hat sie es geschafft, die Anfeindungen in all den Jahren nicht persönlich zu nehmen? Inge Schmid sagt:

«Wenn man sich für ein Amt wie dasjenige des Gemeindepräsidiums zur Verfügung stellt, muss einem bewusst sein, dass dies keine Chilbifahrt wird.»

«Kritik gebe es immer. Für Schmid war darum die Antwort, ob sie mit der Kritik umgehen kann, die wichtigste Frage für die Zusage für ein solches Amt. Das sei dem Posten an sich geschuldet. «Man steht immer in der Sandwichposition zwischen zwei gegensätzlichen Positionen. Allen kann man es nicht recht machen – ausser man bewegt gar nichts.» Den öffentlichen Druck habe sie nie unterschätzt, führt sie weiter aus. Allerdings meinen viele Aussenstehende, man habe einen grossen Spielraum. Dieser ist jedoch durch die Gesetzgebung stark eingeschränkt und verunmöglicht schnelles Handeln vielfach. «In dieser Hinsicht muss man sich selbst zurücknehmen und damit leben lernen, dass man den Bürgerinnen und Bürgern nicht immer gerecht werden kann – auch wenn man das persönlich gerne wollte.»

Abgrenzung zwischen öffentlicher und privater Person

Ihr Erfolgsrezept, um die Kritik nicht persönlich zu nehmen: eine Abgrenzung zwischen dem Amt und ihr als Privatperson. «Ich musste mir immer sagen, dass sich diese oder jene Unstimmigkeit gegen mich als Gemeindepräsidentin richtet, nicht gegen mich als Person.» Das habe ihr sehr geholfen. Zudem konnte sie auf ein privates Umfeld zählen, das ihr die Kraft gab, weiterzumachen. Gab es denn auch Momente, in denen sie kurz davor stand, aufzugeben? Ja, räumt Inge Schmid ein.

«Aber für mich stand immer das Wohl des Dorfes im Vordergrund. Und dem wäre ich nicht gerecht geworden, wenn ich alles hingeworfen hätte.»

Zudem habe ihre Erfahrung als Bäuerin sie schon früh gelehrt, dass man Rückschläge einfach hinnehmen muss. «Wenn die Natur nicht will, dann heisst es manchmal einfach, einen Schritt zurücktreten und sich freuen, wenn es wieder vorwärtsgeht.» Gelassenheit und die Gabe, Positives zu erkennen, hätten ihr während ihrer Amtszeit sehr geholfen. «Wenn viel Kritik kam, dann musste ich mir bewusst werden, dass ich gewählt wurde, um meine Aufgabe zu erfüllen. Mindestens 50 Prozent der Leute standen also hinter mir.» Und wenn das auch nicht mehr half: «Regenschirm auf, und alles aussen an sich abprasseln lassen», so Schmid und lacht. Auf ihre Amtszeit blickt sie gerne zurück. Sie hegt keinen Groll gegenüber dem, was geschehen war. Denn: «Wenn ich hadern würde, täte mir das nicht gut. Und das wiederum möchte ich meinen Kritikern nicht gönnen.»