Rollentausch

Meine babyspeckige Hand mit den lustigen Grübchen zwischen den noch nicht sichtbaren Knödli scheint nach der Flamme der Kerze zu greifen, doch das sieht wahrscheinlich nur so aus.

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Meine babyspeckige Hand mit den lustigen Grübchen zwischen den noch nicht sichtbaren Knödli scheint nach der Flamme der Kerze zu greifen, doch das sieht wahrscheinlich nur so aus. Die rote Kerze steckt in einer mit Mandelsplitter bestreuten Torte, die auf einem grossen Teller liegt, den meine Mutter auf eine ausgebreitete Decke im Gras unseres Gartens gestellt hat. Neben mir kauert meine Mutter, um die Torte herum sitzen meine Gspänli, sie tragen Badehosen und T-Shirts, zuvor haben wir im aufblasbaren Schwimmbecken geplanscht, unsere runden Gesichter lachen. Erinnerungen an meinen ersten Geburtstag habe ich keine; ich kann ihn nur anhand von Fotos rekonstruieren.

Ich feierte noch viele Geburtstage in den darauffolgenden Jahren. Meine Mutter schrieb Einladungen, sie kaufte Dekorationsmaterial, sie backte Kuchen, sie sorgte für Getränke und für Stimmung, sie dachte sich Spiele zum Zeitvertreib aus, sie räumte nach dem Fest auf.

Ihre Hand, eine Hand, die schon vieles angepackt hat, taucht die Fondue-Gabel in den geschmolzenen Käse, macht ein paar Kreise, ein paar Schlenker, führt den Brocken zum Mund. Das Caquelon steht in meiner Küche auf meinem Tisch, darum herum sitzen meine Mutter und ihre Freunde bei Tee oder Wein, bei Gesprächen über Gott, die Welt, frühere Zeiten und das Älterwerden. Ich habe für eine angemessene Tischdekoration gesorgt, habe das Essen hergerichtet, Kuchen gebacken und am Schluss aufgeräumt.

Manches hat sich verändert in den vergangenen drei Jahrzehnten, manches ist, wenn auch in anderer Rollenverteilung, gleichgeblieben. Beides ist gut so.

Christine König