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«Richtiggehend rausgerissen!»

Die Hobbyfischerei in den Gewässern des Toggenburgs hat sich in den vergangenen 100 Jahren stark verändert. Unsere Zeitung befragte den Präsidenten des Fischereivereins Neckertal, Reto Brüllmann aus Flawil, zur Aktualität bei Forellen und Barben.
Michael Hug
Reto Brüllmann Präsident Fischereiverein Neckertal

Reto Brüllmann Präsident Fischereiverein Neckertal

Herr Brüllmann, inwiefern unterscheidet sich die Fischerei von heute zur Fischerei von 1916?

Reto Brüllmann: Massiv! Vor hundert Jahren war Fischen eine elitäre Sache. In der Ostschweiz waren es vor allem Leute, die es im Spinnereigeschäft zu etwas gebracht hatten. Aus Angst, dass die Wohlhabenden aus der Stadt St. Gallen sich die Fischereipachten im Neckertal unter den Nagel reissen würden, gründeten eine Handvoll reiche Toggenburger den Fischereiverein Neckertal. Das war aber für alle diese Eliten keine Notwendigkeit, sondern ein Freizeitvergnügen und sportliche Herausforderung. Einheimische, für die Fische ein Nahrungsmittel waren, konnten sich aus finanziellen und sozialen Gründen nicht daran beteiligen. Sie fischten natürlich auch, aber eben illegal.

Fischen war also ein teures Hobby?

Brüllmann: Ja, und zwar wegen der hohen Pachtbeträge. Das kam daher, dass das Interesse der Pächter so gross war. Für den Kanton waren die Fischereipachten eine Einnahmequelle, für die er praktisch nichts tun musste. Er schrieb die Pachten regelmässig neu aus und konnte so die Meistbietenden ermitteln. Im Kaufkraftvergleich kostete dann ein Fisch schon damals so viel wie heute.

Wie ist es heute?

Brüllmann: Heute ist das Elitäre weg und jeder und jede hat Zugang zur Fischerei. Sobald man seine Stiefel angezogen hat, sind alle gleich. Da unterscheidet nichts den Banker vom Hilfsarbeiter. Wir haben bei uns Topbanker, Handwerker, Lehrlinge, aber man merkt keine Unterschiede, abfischen müssen alle, alle müssen Frondienst leisten.

Wie viele Mitglieder hatte der Verein bei der Gründung?

Brüllmann: Es waren dreiundzwanzig, mehr wollte man nicht. Man hat sich lange gewehrt gegen eine Vergrösserung, aber der Kanton verlangte bei der Neuverpachtung jedesmal eine Aufstockung, sonst hätte man die Pacht nicht erhalten. Heute haben wir zweiundsiebzig Mitglieder und bewegen uns seit einiger Zeit in dieser Bandbreite. Das Interesse hat aber nachgelassen, andere Vereine hatten grosse Einbrüche bei den Mitgliedern, wo man früher noch mehrere Jahre Wartezeiten hatte.

Um die Bestände musste man sich damals keine Sorgen machen?

Brüllmann: Nein, absolut nicht. Wenn ich die Fangstatistiken von damals ansehe, dann bleibt mir nur das Staunen, die haben richtiggehend rausgerissen, anders kann ich das nicht benennen, richtig rausgerissen! Diese Zahlen erreichen wir heute nie mehr, unmöglich.

Dann war das ja ein gutes Geschäft für die Fischer von einst?

Brüllmann: Nein, absolut nicht. Es war und ist auch heute noch eine Ehrensache, dass man die gefangenen Fische nicht verkauft. Nein, das macht man nicht.

Wie viele Fische fängt denn ein Fischer pro Jahr?

Brüllmann: Man dürfte vierzig Fische pro Jahr herausholen, aber das geht überhaupt nicht mehr. Ich selbst hole etwa drei bis vier heraus und es gibt Fischer, die fangen gar nichts. Nicht weil keine fangbaren Fische da sind, sondern weil uns die Nachhaltigkeit wichtiger ist. Man könnte schon mehr fischen und sie dann wieder ins Wasser lassen, aber das ist verboten. Die Fischer geraten dabei in Stress oder sie könnten sich verletzen.

Hat man als Fischer Geheimnisse voreinander?

Brüllmann: Man erzählt sich schon nicht, wo man die guten Fänge gemacht hat. Man sagt sich gerne, wie gross der Fisch gewesen ist, aber wenn der andere fragt, wo man ihn gefangen hat, dann sagt man: im hinteren Neckertal. Aber es ist ja nicht so, dass man immer am gleichen Ort Erfolg hat. Wenn man mal zwei, drei gute Fische herausgezogen hat, dann kann man erst in ein paar Jahren wieder so einen guten Fang am gleichen Ort erwarten. Das zeigt auf, wie sehr man auf Nachhaltigkeit achten muss.

Dann ist das Fischen eigentlich eine brotlose, pardon, fischlose Tätigkeit?

Brüllmann: Es geht eben nicht nur ums Fangen. Am Anfang wollte auch ich den Fisch, ich esse gerne Fisch, aber in der Zwischenzeit hat sich das verschoben. Es geht auch um die Auseinandersetzung mit der Natur, mit den Zusammenhängen, mit der Gewässerqualität, mit den Umweltfaktoren.

Kochen Sie Ihren gefangenen Fisch selbst und wie?

Brüllmann: Weil meine Frau ihn filetiert mag, mache ich ihn oft frisch filetiert in der Bratpfanne. Geräuchert ist Fisch natürlich auch gut. Aber am besten ist er in der Alufolie: Butter dazu, ein schöner süsser Walliser Weisser, Kräuter, Folie schliessen und in die Glut legen.

Wie lange fischen Sie schon?

Brüllmann: Ich bin Quereinsteiger und habe erst vor acht Jahren angefangen. Nach zwei Jahren kam ich in den Vorstand. Ich bin totaler Autodidakt.

Was ist das Faszinierende am Fischen?

Brüllmann: Es ist so abwechslungsreich. Ich kann immer wieder an andere Orte fischen gehen, oder ich kann verschiedene Techniken anwenden. Für mich liegt die Faszination zurzeit beim Fliegenfischen, das ist die Königsdisziplin und eine richtige Herausforderung. Es ist die schönste Art, keine Fische zu fangen.

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