REZENSION: Konzert voller Spannung

Das Beethoven-Quartett und die Sopransolistin Franziska Hirzel eröffneten die diesjährige Brahmsiade in der Ziegelhütte mit delikater Kammermusik und den berühmten «Vier letzten Liedern» von Richard Straus.

Ferdinand Ortner
Drucken
Teilen
Künstler mit hoher musikalischer Kompetenz und Ausstrahlung. (Bild: Ferdinand Ortner)

Künstler mit hoher musikalischer Kompetenz und Ausstrahlung. (Bild: Ferdinand Ortner)

Ferdinand Ortner

redaktion

@appenzellerzeitung.ch

Spannungsvolle Kammermusik und emotionale Kunstlieder von Richard Strauss prägten unter dem Motto «Werden – Sein – Vergehen» am Freitag das zweite Abo-Konzert des Jahres 2017 in der Kunsthalle Ziegelhütte. Dieses Konzert war letztes Jahr wegen einer schweren Erkrankung des inzwischen verstorbenen zweiten Geigers des Beethoven-Quartetts, Laurentius Bonitz, ausgefallen. Heuer bereicherten als Hommage die «Vier letzten Lieder» von Richard Strauss (1864–1949) – gesungen von seiner Frau – das Kammermusikprogramm. Das Beethoven-Quartett präsentierte tief beeindruckende Interpretationen hochkarätiger Werke von Johannes Brahms (1833–1897) und Anton Webern (1883–1945). Das international besetzte Ensemble mit Primgeiger Mátyás Bartha, Mikhail Yakovlev (2. Violine), Vahagn Aristakesyan (Viola) und Carlos Conrad (Cello) überzeugte durch lebendiges Musizieren, Spontanität im Vortrag und subtile Klangkultur. Exzellent auch die rhythmische Sicherheit und das nahtlose Zusammenspiel sowie – bei den Strauss-Liedern – die optimale Abstimmung mit der hervorragenden Gesangssolistin.

Highlights der Kammermusik

Das Konzert begann mit einem Highlight der spätromantischen Kammermusik, dem Streich­quartett Nr. 1 c-Moll, op. 51/1, von Johannes Brahms. Der von abrupten Stimmungswechseln, kontrapunktischen Raffinessen und orchestraler Klangfülle geprägte Sonatensatz – ein dramatisch zerklüftetes «Allegro» – versprühte motivische Vielfalt und Vitalität. Die ariose «Romanze» verströmte liebliche Melodik und zauberhafte Melancholie.

Das nachdenklich-versponnene «Allegretto» vermittelte Serenadenstimmung, während im spannungsgeladenen Finale die Thematik des Kopfsatzes noch einmal voll zur Wirkung kam. Als hochinteressantes Opus erlebte man das einsätzige Streich­quartett (1905) des späteren «Zwölftöners» Anton Webern. Die ausdrucksstarke Komposition bewegte sich an der Grenze zwischen früher Moderne und Nähe zu Brahms, was bestimmte rhythmische Elemente und die grundsätzliche Klangauffassung belegten. Anton Webern – durch das Alpentriptychon «Werden – Sein – Vergehen» des Malers Giovanni Segantini (1858–1899) in­spiriert – setzte dessen Motive – die drei Stadien menschlichen Lebens – musikalisch bestechend einfach um. Bemerkenswert die ätherischen Klänge, die speziellen Streichereffekte und die faszinierende meditative Ausstrahlung der Komposition. Die beim Konzert projizierten monumentalen Gebirgsbilder bewirkten eine sicht- und hörbare Verbindung zwischen Bildkunst und Musik. Dem konzentriert musizierenden Quartett gelang eine fein differenzierte Interpretation des anspruchsvollen Werkes.

Ein berührendes Erlebnis war der seelenvolle Vortrag der «Vier letzten Lieder» von Richard Strauss (Texte: Hermann Hesse und Joseph von Eichendorff) in einem transparenten Arrangement von Mátyás Barta, dem Primus des Beethoven-Quartetts, für Sopran und Streichquartett. Diese klangsinnlichen Kunstlieder – die als Vermächtnis des Komponisten gelten – kündeten in weit ausschwingenden Melodielinien und tiefen Gemütsbewegungen vom Werden und Sein, aber auch von Abschiednehmen, von Todesahnung und Jenseitshoffnung. Franziska Hirzel interpretierte die Lieder mit tragfähiger, klangvoller Sopranstimme sehr ergreifend und bedankte sich für den lang andauernden Beifall mit der Zugabe eines populären Schubert-Liedes.