«Religion ist etwas Gelebtes»

Markus Grieder feierte am Sonntag sein 25-Jahr-Jubiläum bei der Reformierten Kirchgemeinde Urnäsch. Ein Porträt über den Pfarrer, der behauptet, er habe den schönsten Beruf der Welt.

Ruth Frischknecht
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Markus Grieder fühlt sich in Urnäsch als Pfarrer seit 25 Jahren wohl und sagt, er habe den schönsten Beruf, den es gibt. (Bild: Ruth Frischknecht)

Markus Grieder fühlt sich in Urnäsch als Pfarrer seit 25 Jahren wohl und sagt, er habe den schönsten Beruf, den es gibt. (Bild: Ruth Frischknecht)

URNÄSCH. Markus Grieder, seit 25 Jahren Pfarrer in Urnäsch, öffnet die Tür zum Pfarrhaus. Schon seit einiger Zeit dient es ihm nur noch als Arbeitsplatz – sein Heim ist ein Bauernhaus ausserhalb des Dorfkerns. «Ich bin nach Urnäsch gekommen, weil ich hinaus ins Grüne, näher zur Natur wollte.»

Obwohl ihm das Erdgeschoss des Pfarrhauses als Arbeitsplatz dient, ist es dennoch ähnlich eingerichtet wie eine Wohnung. In der Küche kocht er Kaffee. Im Esszimmer steht noch immer ein grosser ovaler Esstisch von Pflanzen umgeben. Ein Vogelhäuschen auf der Terrasse, Fotos seiner Konfirmanden-Jahrgänge auf dem Tisch. Er hat sie am Sonntag an seinem Jubiläumsgottesdienst erhalten. Ein schönes Fest sei es gewesen. Er schätze das Zeichen der Dankbarkeit sehr, sagt der Pfarrer. Nach dem Lehrerseminar, einer Zeit am Konservatorium mit dem Schwerpunkt Klavier und einem Theologiestudium trat Grieder 1990 die Stelle als Pfarrer in Urnäsch an – und sagt selber, dass er nicht damit gerechnet habe, so lange zu bleiben.

Der schönste Beruf

Von den Leuten im Dorf sei er von Anfang an gut aufgenommen worden und fühle sich voll und ganz akzeptiert, sagt Markus Grieder. Und er fühlt sich wohl: «Urnäscher sind bodenständig, auch im Glauben. Sie sind nicht extrem in ihren religiösen Ansichten.»

Seit seinem Amtsantritt besuchten vielleicht weniger Leute die Gottesdienste, vielleicht sei man als Pfarrer heute weniger Autoritätsperson und werde eher als Mitmensch wahrgenommen. Das Wesentliche, die Begegnungen mit den Menschen, hätten sich jedoch nicht verändert.

«Ich habe den schönsten Beruf der Welt – ich habe mit allen Facetten des Lebens zu tun», sagt Markus Grieder. Viele schöne, berührende Momente habe er erlebt. Etwa überglückliche Paare bei der Trauung. Aber auch in die Abgründe des Lebens gesehen. Markus Grieder fasziniert die Arbeit mit Menschen in ganz unterschiedlichen Lebenslagen. Er steht ihnen zur Seite, hört zu: «Die schönsten Momente erlebe ich, wenn ich während eines Seelsorgegesprächs merke, wie sich etwas im Innern verändert. Wenn sich plötzlich eine beruhigte Klarheit auf dem Gesicht der Personen ausbreitet, wenn sich irgendwo ein Knoten löst.»

Für Offenheit und Austausch

Markus Grieder setzt sich für eine möglichst offene evangelische Kirche ein und sagt: «Für mich ist Religion etwas Gelebtes, etwas das aus der eigenen Erfahrung entsteht.» Er war im Vorstand der Sosos, dem Forum für Solidarität und Spiritualität in der Ostschweiz. Er leitet Weiterbildungen zum interreligiösen Austausch und glaubt fest daran, dass die Beschäftigung mit anderen Religionen nicht eine Gefahr, sondern eine Bereicherung für den eigenen Glauben darstellt. Besonders der Buddhismus interessiert ihn. Mindestens einmal im Jahr reist er nach Nepal. Diese Reisen bieten ihm Gelegenheit, seinen spirituellen Horizont zu erweitern.

Zudem engagiert sich der Urnäscher Pfarrer in der Arbeitsgruppe «neue religiöse Bewegungen» und arbeitet bei der Internetplattform «relinfo» mit. Beide Stellen beschäftigen sich mit Freikirchen und Sekten und bieten Informationen dazu an.