Reisen im Drehfauteuil

Einst reiste ich kreuz und quer durch Europa, Marseille, Avignon (und vieles mehr in der Provence), Bordeaux, Paris, Bremen, Hölderlins Tübingen, München, Wien, Kafkas Prag, eine Alp im Urner Schächental, Elsass, um nur ein paar Destinationen zu nennen.

Paul Gisi
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Bild: Paul Gisi

Bild: Paul Gisi

Einst reiste ich kreuz und quer durch Europa, Marseille, Avignon (und vieles mehr in der Provence), Bordeaux, Paris, Bremen, Hölderlins Tübingen, München, Wien, Kafkas Prag, eine Alp im Urner Schächental, Elsass, um nur ein paar Destinationen zu nennen. Seit etwa zwanzig Jahren bevorzuge ich die Reisen im Drehfauteuil, mit einem Buch, in einem Buch. Ohne zu schwitzen oder mit Touristen in einer Warteschlange zu stehen, schlendere ich durch die Alhambra, besteige den Fudschijama, gondle den Mekong hinunter, streife durch Mexico City oder durch die mythische Stadt Santa Maria von Juan Carlos Onetti, Uruguays literarischem grand old man, erlebe Lissabon von José Saramago oder Pascal Mercier, ich reise im Geiste in ein Bauerndorf in der Ukraine oder besteige einen Zikkurat in Babylon, überhaupt ist es herrlich, im Drehfauteuil zu sitzen, eine Pfeife zu rauchen, einen neckischen Rotwein zu trinken, die Füsse hochgelagert, die Kerze brennt vergnügt, durch versunkene Reiche der Hethiter, des Minoischen Kreta, von Assur, durch Kulturdenkmäler des mykenischen Lebens zu zotteln, von der Hochkultur der Mayas zu träumen, auf unterirdischen Flüssen zu fahren, durch Ruinen im aztekischen Palenque zu schlendern, den Fassadenschmuck mit den Masken des Regengotts am nördlichen Gebäude des Nonnenklosters in Uxmal zu bewundern, im Drehfauteuil wird längst Vergangenes Gegenwart, wie herrlich ist es doch, ohne Touristen mit ihren Plumpbäuchen in kurzen Hosen und den ewigen Kameras Sorbas' Griechenland zu erleben, es ist ein Fest, die ganze Welt, wie sie war und zurzeit ist, an sich vorbeiziehen zu lassen, ohne einen Schritt machen zu müssen. Es gibt noch Reisen in den Träumen, die alle so wunderbar oder verteufelt gefährlich sind.

Und Reisen ins eigene Unterbewusstsein, sofern man einen Schlüssel gefunden hat, um dies zu bewerkstelligen. Da gibt es auch Archetypen, auf die zu stossen ein Erlebnis unvergleichlicher Art ist.

Heute reise ich mit Nikos Kazantzakis in den «Felsengarten», ich habe mir soeben eine neue Pfeife angezündet, das Weinglas gefüllt, schwenkte im Drehfauteuil ein paar Zentimeter nach links und rechts, und los geht die Weltreise nach Japan und China. Dazu höre ich Pjotr Iljitsch Tschaikowskijs Klavierkonzerte.