Reise ins Spielzeugland

Über 140 Journalisten aus 30 Ländern sind ins Appenzellerland gereist, um den Alpstein und die lokalen Traditionen kennenzulernen. Eine Gruppe hat den Bauern Martin Signer-Koch auf seiner Alp auf dem Kronberg besucht.

Michael Genova
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Die Appenzeller Ziegen waren ein begehrtes Fotomotiv der internationalen Journalisten. (Bild: Michael Genova)

Die Appenzeller Ziegen waren ein begehrtes Fotomotiv der internationalen Journalisten. (Bild: Michael Genova)

JAKOBSBAD. Es ist ein denkbar schlechter Tag, um das Appenzellerland zu erkunden. Der Gipfel des Kronbergs steckt in dichtem Nebel, den nahen Säntis muss man sich dazudenken. Die neun Journalisten, die aus aller Welt angereist sind, kümmert das wenig. Sie haben ihre Handys gezückt und fotografieren.

Rund 140 Medienschaffende aus 33 Ländern besuchten gestern auf Einladung von Schweiz Tourismus das Appenzellerland, um die lokalen Bräuche und Traditionen kennenzulernen. Die Reisegruppe auf dem Kronberg hatte sich für die Exkursion «Life of an alpine herdsman» entschieden» – wollte also mehr über das Leben eines Senns erfahren.

Aufgetürmte Kuhfladen

Vreni Inauen von Appenzellerland Tourismus AI führt die Gruppe auf den Gipfel. Einige Kälber im Nebel schauen interessiert zu. Den Gästen aus Russland, Singapur oder Indonesien wird erklärt, warum die Appenzeller die Kuhfladen zu Haufen auftürmen. «Nur so kann das Gras weiterwachsen.» Im Herbst werde der natürliche Dünger wieder verteilt. Nach einem kurzen Fussmarsch gelangt die Gruppe zur Alp von Martin und Marta Signer-Koch. Der Abstieg dauert zum Glück nur eine Viertelstunde, einige Teilnehmerinnen haben es versäumt, ihre Ballerinas durch Wanderschuhe auszutauschen.

Leben auf der Alp

Bauer Signer begrüsst alle persönlich: «Hallo, Grüezi, Grüess Gott, Hoi.» Als Erstes präsentiert er stolz seine weissen Appenzeller Ziegen. Sie nähern sich interessiert den fremden Gästen, beschnuppern sie und beginnen schliesslich an den Regenjacken zu knabbern. «Ziegen sind sehr neugierige Tiere», erklärt Vreni Inauen. Danach führt Marta Signer die Gruppe in die warme Stube der Alphütte, wo ein Fünfpfünder, Butter, Weisswein und Orangensaft auf dem Tisch stehen. Das Brot sei selbstgebacken und die Butter werde aus Alpmilch hergestellt, sagt Signer.

Marsudi Murwahid Prapto möchte wissen, wie man Fünfpfünder schreibt. Der Journalist stammt aus Indonesien und schreibt für «Jawa Pos», eine der grössten indonesischen Tageszeitungen. Er ist zum erstenmal in der Schweiz und zum zweitenmal in Europa. Natalia Shutova kommt aus Russland und schreibt für «Brot und Salz», ein Lifestylemagazin, das über Lebensmittel und Rezepte aus aller Welt berichtet. Sie entführt den Fünfpfünder kurzerhand für ein Fotoshooting und kehrt erst nach zehn Minuten wieder zurück. «Ich fühle mich wie in einem märchenhaften Spielzeugland», sagt sie. Sie interessiere sich vor allem für lokale Produkte wie das Appenzeller Mineralwasser, Biberli und natürlich Käse. Martin Signer erklärt seinen Gästen, wie die Milchproduktion auf einer Alp funktioniert. Er geht auf die Tradition der Alpabfahrt ein und zeigt, wie man die beschlagene Appenzeller Hose trägt. Das Leben auf der Alp sei einfach, sie hätten hier aber jeglichen Komfort: «Stühle, Bänke, Solarpanels auf dem Dach – und eine wunderbare Aussicht.»

Künstliche Bauernhöfe

Lee Meixian schreibt für die «Business Times» aus Singapur und ist beeindruckt, wie leidenschaftlich Martin Signer von seinem Beruf erzählt. In Singapur gebe es zwar Parks und Grünflächen, um sich zu erholen. Es brauche aber künstliche Bauernhöfe, um den Kinder beizubringen, woher die Milch kommt. «Ich würde gerne einen längeren Urlaub in der Schweiz verbringen, vielleicht wenn ich einmal eine Auszeit brauche», sagt Lee.

Zum Abschluss stellt Bauer Signer eine Frage: «Wer möchte einige Wochen den Job mit mir tauschen?» Drei Journalisten strecken auf.