REGION: Nonstop-Saisonstelle für 100 Tage

In den Medien werde das Leben auf den Alpen oft idealisiert dargestellt, sagt der Alpwirtschaftsexperte Richard Schwendener, denn in der Realität sei die Arbeit physisch und psychisch sehr anspruchsvoll.

Heini Schwendener
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Das Alppersonal trägt eine grosse Verantwortung für die Tiere, die ihm während rund drei Monaten anvertraut werden. (Bild: Urs Bucher)

Das Alppersonal trägt eine grosse Verantwortung für die Tiere, die ihm während rund drei Monaten anvertraut werden. (Bild: Urs Bucher)

Heini Schwendener

heini.schwendener@wundo.ch

«Heutige Älpler oder Älplerinnen sind Frauen so gut wie Männer, kommen aus allen Berufen und Bevölkerungsschichten, aus Portugal, Südtirol, aus Deutschland, Aus-tralien und der Schweiz. Von ihnen erwartet werden eine gute Beobachtungsgabe, Verantwortungsbewusstsein, Tierliebe und eine grosse körperliche und seelische Belastbarkeit.» Diese Zeilen stammen aus «Neues Handbuch Alp», das vor zehn Jahren im «zalpverlag» erschienen ist. Sie bringen mehrere Aspekte der Alpwirtschaft auf den Punkt.

Das Personal auf den Schweizer Alpen – und das gilt auch für unsere Region – setzt sich schon lange nicht mehr nur aus Schweizer Bauern und Bäuerinnen zusammen. Der Seveler Richard Schwendener, landwirtschaftlicher Betriebsberater und Alpwirtschaftsexperte am Landwirtschaftlichen Zentrum St. Gallen in Salez, sagt: «In der Schweiz haben wir rund 7000 Alpbetriebe mit einem Personalbedarf von etwa 17000 Leuten.» Der Kanton St. Gallen zählt 370 Alpbetriebe. In unserer Region setzt sich das ausländische Alppersonal vor allem aus Deutschen und auch einigen Österreichern zusammen.

Quereinsteiger sind wichtig geworden

Rekrutierte sich früher das Alppersonal vor allem aus bäuerlichen Kreisen, so ist das heute längst nicht mehr so. Die landwirtschaftliche Berufsausbildung hat sich in ihrem zeitlichen Ablauf der Ausbildung der übrigen Berufe angeglichen. Da sie nun ebenfalls im Sommer endet, fehlen potenzielle Jungbauern auf den Alpen. Denn dort fängt die Saison im Juni oder teilweise wegen der Vorbereitungsarbeiten auf den Alpen bereits im Mai an.

«Ohne Quereinsteiger ginge heute gar nichts mehr», sagt Richard Schwendener. Ein Student, eine Pflegefachfrau oder ein Journalist, der eine Saisonstelle auf einer Alp antritt, muss allerdings nicht per se ungeeignet dafür sein. «Unter diesen Quereinsteigern gibt es teilweise sehr gute Leute», weiss Schwendener aus Erfahrung.

Allerdings ist das Leben auf einer Alp für branchenfremde Neulinge meist viel anstrengender, als sie es sich vorstellen konnten. Schwendener spricht von einer «100-Tage-Nonstop-Saisonstelle». Die Arbeitstage sind lang, schlechtes Wetter schlägt auf die Stimmung und erschwert die körperlich ohnehin anstrengende Arbeit weiter, die Wohnverhältnisse sind sehr viel einfacher als zu Hause. Und angesichts all dieser Umstände ist auch der Lohn bescheiden. Da stösst der eine oder die andere schnell einmal an die körperlichen und psychischen Grenzen.

Der erste Monat der Alpzeit ist übrigens der anstrengendste. Darum geben die meisten, die auf der Alp überfordert sind, bereits im Juni auf. Dann ist der Alpmeister gefordert. Er muss möglichst schnell einen Ersatz auftreiben.

Dankbar, wenn jemand vier bis fünf Jahr bleibt

Richard Schwendener hat dank seiner Erfahrung eine weitere Erkenntnis gewonnen: «Langjährige Älpler werden in Zukunft wohl immer seltener.» Dass aus der heutigen Generation noch jemand 20 oder mehr Sommer auf einer Alp verbringen werde, sei wohl eher unwahrscheinlich. Heute müsse man schon froh sein, wenn jemand vier bis fünf Jahre auf die Alp gehe.