REGION: "Die Hauptgefahr ist jeder selbst"

Einmal Frümsel, einmal Selun, beide Male mit tödlichem Ausgang. Trotz seriöser Vorbereitung und guter Ausrüstung, vor einem Ausrutscher ist niemand sicher. Der Rettungschef der SAC-Rettungsstation Wildhaus-Amden, Peter Diener, nimmt Stellung.

Delia Hug
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Sie sind nicht besonders gefährlich, aber auch auf den Churfirsten gibt es schwierige Geländeverhältnisse. (Bild: Christiana Sutter)

Sie sind nicht besonders gefährlich, aber auch auf den Churfirsten gibt es schwierige Geländeverhältnisse. (Bild: Christiana Sutter)

Irgendwo in den Tiefen des Kellers verbergen sie sich, die Wanderschuhe. Des Schweizers liebstes Hobby ist längst zur Trendsportart geworden, nicht nur für die graue Generation. Auch junge Leute, Familien und Touristen aus aller Welt kramen ihre Bergschuhe hervor, um die einmalige Natur in den Bergen zu erleben und geniessen. Wie jede Aktivität bringt auch eine Wanderung Gefahren mit sich. Wo diese sind und was er zum Trend meint, erzählt Peter Diener, Rettungschef der SAC-Rettungsstation Wildhaus-Amden.

Die Churfirsten sind ein beliebtes Wandergebiet. Mussten Sie diese Saison schon oft ausrücken?
Ich musste zweimal ausrücken, einmal am Selun und das andere Mal am Frümsel. Beide Male sind Menschen verstorben.

Am 23. Juli rutschte ein 57-Jähriger in einem Couloir auf dem Weg vom Frümsel zum Selun aus und stürzte ab. Einige Tage später, am 1. August, rutschte ein 58-jähriger Mann über einer Grasflanke am Selun aus und stürzte eine Felswand hinunter.

Werden die Churfirsten oft von Wanderern unterschätzt?
Das kann ich nicht beurteilen, da es keine Zahlen der Wanderer auf die Churfirsten gibt. Unterschätzt werden ganz im Allgemeinen oft die schwierigen Verhältnisse, zum Beispiel wenn Schneereste vorhanden sind oder es frisch geschneit hat. Auch nach längeren Regenperioden wird das Gelände oft zu positiv eingeschätzt.

Peter Diener, Rettungschef der SAC-Rettungsstation Wildhaus-Amden. (Bild: Ralph Ribi)

Peter Diener, Rettungschef der SAC-Rettungsstation Wildhaus-Amden. (Bild: Ralph Ribi)

Wandern liegt im Trend. Verstärkt wird dieser auch durch Fernsehsendungen wie der "Sommertour" auf TVO. Vermitteln die Sendungen vielleicht ein falsches Image?
Ich finde es gut, wenn das Wandern im Trend ist. Es freut mich, dass auch viele jüngere Leute und Familien das Wandern für sich entdecken. Denn es braucht keine allzu teure Ausrüstung und die Berge sind kostenlos für jedermann. Aus meiner Sicht ist die Sommertour eine seriöse, gute Sendung. Victor Rohner weist zeitweise auch auf Gefahren hin und ist auch bei schlechter Witterung unterwegs. Die Hauptgefahr ist jeder selbst. Wer wandert, handelt in eigener Verantwortung. Was auch gut ist, nur sollte sich jeder darüber im Klaren sein.

Was ist vor einer Tour zu beachten?
Eine Wanderung sollte seriös geplant werden. Entspricht meine Wanderung meinen und vor allem den Fähigkeiten aller Teilnehmer? Wie sind die Verhältnisse, wie wird das Wetter, stimmt meine Ausrüstung, entspricht mein Schuhwerk den Anforderungen, stimmt mein Zeitplan und wann kehre ich besser um? Beim Schuhwerk nützt es nichts, wenn jemand, der sich nicht gewohnt ist, im schneefreien und trockenen Gelände mit schweren steifen Bergschuhen unterwegs ist. Dann ist die Gefahr höher, dass diese Person stolpert.

Eine Statistik des SAC zeigt die Zahl der tödlichen Bergunfälle von 1984 bis heute. Die Zahl bewegt sich immer im selben Bereich, zwischen 88 und 152 Todesfällen. Erstaunlich, denn heute sind bestimmt mehr Leute in den Bergen unterwegs.
Ja, es halten sich bedeutend mehr Menschen in den Bergen auf. Die frühe und schnelle Alarmierung über das Smartphone trägt heutzutage zu einer schnelleren Rettung bei und damit zu oftmals positiveren Ausgängen eines Unfalls. Ich glaube, der grösste Teil der Menschen ist sehr vernünftig und meistens bei idealen Bedingungen unterwegs.

Was ist die Hauptursache?
Nach wie vor ist Sturz oder Absturz die Hauptunfallursache. Das hängt oft mit dem eigenen Verhalten zusammen. Wenn man überfordert ist, lässt die Konzentration nach. Ablenkung, abnehmendes Gefahrenbewusstsein, manchmal ungeeignetes Schuhwerk oder Stöcke, die einen mehr behindern als nützen, werden zur Gefahr.

Dieses Jahr gab es schon etliche heftige Gewitter. Sind Folgen davon spürbar, beziehungsweise gab es deswegen mehr Unfälle?
Nein, jedenfalls sind mir keine bekannt.

Das Interview wurde schriftlich geführt.