REFORMATION: Zwingli, der Regisseur?

Ulrich Zwingli ist stolzer Toggenburger. Hält er von Zürich aus die Fäden der Reformationsbewegung im Thurtal in der Hand? Was man weiss und was man nicht weiss.

Daniel Klingenberg
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Das Geburtshaus von Ulrich Zwingli, wie es heute aussieht. (Bild: PD)

Das Geburtshaus von Ulrich Zwingli, wie es heute aussieht. (Bild: PD)

Daniel Klingenberg

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Die Sympathie von Ulrich Zwingli für das Toggenburg ist aus einem Brief gut ersichtlich. Am liebsten würde er selber «by üch als in minem Vatterland» das Evangelium predigen, schreibt er am 18. Juli 1524 an den Landrat. Dass Zwingli ein reformiertes Toggenburg wollte, ist daher klar. Dass er Einfluss genommen hat auf die Annahme des «neuen Glaubens», ist ebenfalls klar. Und auch, dass er stolz auf seine Herkunft war: «Ein erborner Toggenburger» setzt er in Briefunterschriften als Zusatz.

Eine Autorität für Toggenburger

Unterschiedlich beurteilt wird, welche Wirkung sein Einfluss hatte. Ältere Publikationen verklären Zwingli, heute ist man darin vorsichtiger. Peter Opitz, Zwingli-Forscher und Theologieprofessor, sagt: «Natürlich hat Zwingli versucht, Einfluss zu nehmen.» Da er aber ab 1519 in Zürich ist, muss er über seine Gefolgsleute im Toggenburg eingreifen. Dies gelingt zwar, aber «nicht immer wunschgemäss».

Konkreter wird der Historiker Max Baumann, der in der St. Galler Kantonsgeschichte die unruhigen 1520er-Jahre beschreibt. Er sagt: «Zwingli ist der heimliche Regisseur der Toggenburger Reformation.» Das mag sein. Weil aber eine Aufarbeitung der Quellen nach heutigem Standard fehlt, ist dies nicht belegt.

Ältere Publikationen sehen den Einfluss Zwinglis aufgrund seiner Autorität als etwas Selbstverständliches an. Pfarrer Oskar Frei schreibt 1920 über den Zwingli-Brief von 1524, er habe diesen «in seiner Freude über den Sieg der evangelischen Predigt in seiner Heimat» geschrieben. Er sei ein «schönes Zeugnis für die lautere Heimatliebe». Gottlieb Egli stellt 1955 in «Die Reformation im Toggenburg» aber fest: «Wir besitzen leider keine direkten Quellenzeugnisse über die Art und Weise der Übermittlung reformatorischen Gedankengutes ins Toggenburg.» Er sieht den Grund der «raschen Verbreitung» der Reformation in den «persönlichen Beziehungen» Zwinglis zu Pfarrern und der Tatsache, dass er für Toggenburger eine Respektsperson sei.

Hauptargument für den Einfluss von Zwingli auf die Toggenburger Reformation ist, dass er auf den Landrat als politische Kraft setzt. Denn der Landrat setzt sich aus der bäuerlichen Oberschicht zusammen, und diese will die politische Freiheit. Wenn der Landrat die Chance sieht, mit der Reformation zur Autonomie zu kommen, nützt dies auch der reformatorischen Sache – das könnte Zwinglis Überlegung gewesen sein. Zwei Mal wendet er sich brieflich an ihn. Mit dem ersten Brief von 1524 stärkt er dem Landrat demonstrativ den Rücken. Denn dieser hat gerade den Toggenburger Geistlichen empfohlen, nach dem neuen Glauben zu predigen. Der zweite Brief an den Landrat trägt das Datum 30. Juni 1525. Darin warnt Zwingli vor den Täufern. Zudem scheint der Kontakt zwischen Landrat und Zürich regelmässig und vertraulich gewesen zu sein. So schreibt Egli im Zusammenhang mit einem Waffengang im Jahr 1529: «Der toggenburgische Landrat hatte Zürich unter der Hand bereits tatkräftige Hilfe für den Ernstfall zugesprochen.»

Ebenso belegen Briefe etwa zwischen dem Steiner Pfarrer Blasius Forrer und Zwingli einen engen Kontakt. Forrer berichtet zum Beispiel von einer Episode in Lichtensteig, bei der «Meister Ulrich ein Dieb und Ketzer» genannt wurde, und sich der Lichtensteiger Stadtschreiber für Zwingli einsetzt. Der Reformator weibelt auch in seiner Familie für seine Sache: Laut der Klosterchronik überredet er zwei seiner Schwestern im Kloster Wattwil zum Austritt. An der zweiten Synode der Toggenburger Pfarrer vom 23. März 1531 in Lichtensteig ist auch Zwingli dabei. Wichtigstes Traktandum war der Umgang mit den Täufern. Zwingli hat deshalb offenbar «mehrere untaugliche Prädikanten ihres Amtes» entlassen. Oskar Frei schreibt: «Bei dieser Gelegenheit mag Zwingli seine Heimat wohl zum letzten Mal gesehen haben.»

Der wortkarge Reformator

Für zuverlässige Folgerungen zur Rolle von Zwingli in der Reformation im Toggenburg ist daher zweierlei nötig. Einerseits ist das Handeln des Landrats durch die Auswertung von Protokollen im Stiftsarchiv St. Gallen genau zu untersuchen. Wer gehörte diesem an? Wie hat man sich die Kontakte zu Zürich vorzustellen? Anderseits ist zu klären, wie die persönlichen Beziehungen von Zwingli zu Toggenburgern genau aussahen. Mag sein, dass eine solche Forschungsarbeit Klarheit brächte. Aber die Quellen setzen wohl ebenfalls Grenzen, wie auch Peter Opitz schreibt: «Was seine innere, geistige und religiöse Entwicklung angeht, ist der Zürcher Reformator auch selber eher wortkarg.»