REFORMATION: Aufmüpfige Pfarrer, unzufriedene Bauern

In der Reformationszeit entsteht im Toggenburg innerhalb von zehn Jahren das heutige konfessionelle Nebeneinander von Katholiken und Reformierten. Ein trotziger Hemberger Pfarrer gehört zu den Initianten des «neuen Glaubens».

Daniel Klingenberg
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In Hemberg predigte Pfarrer Johann Dörig den «neuen Glauben», allerdings noch nicht in der heutigen katholischen Kirche. (Bild: Urs M. Hemm)

In Hemberg predigte Pfarrer Johann Dörig den «neuen Glauben», allerdings noch nicht in der heutigen katholischen Kirche. (Bild: Urs M. Hemm)

Die 1520er-Jahre sind unruhige Jahre in der Alten Eidgenossenschaft und dem Toggenburg. Das Thurtal gilt als eines der «revoltenintensivsten» Gebiete der damaligen Schweiz. Das ist auch in der Reformationszeit spürbar. Sie beginnt mit aufmüpfigen Pfarrern. Auf den Kanzeln von Hemberg, Kirchberg, Wattwil, Stein und Wildhaus wird der «neue Glaube» gepredigt. Dies ist verbunden mit dem Protest gegen Papsttum und Ablasshandel, was die Abgeltung von Sündenstrafen durch Geld oder «gute Werke» bedeutete.

Unzimperliche Worte aus Hemberg

Ein Beispiel für die wenig zimperliche Wortwahl ist Pfarrer Johann Dörig. Er kommt im Dezember 1522 nach Hemberg, einige Monate zuvor hat er geheiratet und war auch in Herisau tätig. Dörig bezeichnet in einem Brief den Bischof von Konstanz als «höllischen Wolf» und einen seiner Beamten als «Erzschalk». Die Kapelle von Einsiedeln ist ihm eine «Mördergrube» und er rückt sie in die Nähe eines «Schisshus» – ein Chronist bescheinigt ihm daher eine «derbe Appenzeller-Sprache». Der Bischof hatte ihn deswegen auch schon eingesperrt.

Zugleich sind die Bauern unzufrieden und damit neben den Geistlichen zweite Protestgruppe: Sie fordern Veränderungen in Politik und Wirtschaft. Zwar geht es ihnen im Vergleich zu ihren Kollegen im Fürstenland gut. Die beginnende Reformation nutzen sie aber, um gegen die Abgabe von Zinsen und Zehnten zu protestieren. Es kommt auch zur Verweigerung dieser Zahlungen.

Forderung nach mehr Selbstbestimmung

Daraus entsteht die Forderung nach mehr Selbstbestimmung, die an eine Tradition aus dem Toggenburg der 1430er-Jahren anknüpft. Damals gelang es, während eines Machtvakuums mit Landsgemeinde und Landrat eigene politische Körperschaften zu etablieren. 1468 erwirbt aber der Fürstabt von St. Gallen für 14500 Gulden die Herrschaft über das Toggenburg und ist damit Landesherr. Er setzt einen Landvogt als obersten Beamten ein, der in Lichtensteig wohnt. Das Städtli ist mit seinem Markt das ökonomische Zentrum des Tals und liegt in der Mitte des oberen und unteren Teils. Zweite politische Kraft sind während der Reformationszeit die «Schirmorte» Glarus und Schwyz, welche in einem Konflikt zwischen Bevölkerung und Fürstabt vermitteln. Fürstabt und Schirmorte sind Vertreter des «alten Glaubens». Der Landrat schliesslich setzt sich aus der ländlichen Oberschicht, zu der auch die Herkunftsfamilie von Ulrich Zwingli gehört, zusammen.

Während der Landrat in Friedenszeiten kaum Einfluss hat und die Machtbalance der drei Akteure stabil ist, wird er in den 1520er-Jahren die bestimmende politische Kraft. Denn die Toggenburger spüren, dass mit dem «neuen Glauben» mehr politische Selbstständigkeit erreichbar ist. Der Landrat ruft die Toggenburger Pfarrer im Juli 1524 zu sich, um ihnen die «Predigt nach der Schrift» zu empfehlen. Sie sollen nur noch «das reine Wort Gottes ohne Beimischungen menschlicher Satzungen» verkündigen. Damit nimmt er klar Partei für die Reformation, welche nicht in der Bibel vorkommende «menschliche Gebote» wie etwa die Ehelosigkeit von Priestern strikt ablehnt. Der Landrat liegt mit seiner Haltung auf einer Linie mit reformierten Städten wie Zürich und St. Gallen. So hat der städtische Rat in St. Gallen bereits am 4. April 1524 eine ähnliche Forderung erhoben.

Die Reaktion von Reformationsgegnern lässt nicht auf sich warten. Der zuständige Landvogt Hans Giger aus Kengelbach, welcher in diesen Jahren mit Diplomatie zwischen den Interessen von Fürstabt und Bevölkerung vermittelt, soll die fehlbaren Pfarrpersonen verhören. Dem Aufgebot gehorchen aber nur die Geistlichen von Kirchberg und Wattwil – und sie sind keineswegs einsichtig. Briefe von Pfarrer Blasius Forrer aus Stein zeigen, dass der seit 1519 in Zürich als Reformator wirkende Ulrich Zwingli über die Entwicklung im Toggenburg gut unterrichtet ist.

«Abfallbewegung» und «erster Sieg»

Damit ist die künftige Entwicklung vorgezeichnet. Auf der einen Seite steht der Landrat, welcher die Reformation vorantreibt und dabei vom Wildhauser Zwingli Unterstützung erhält. Der St. Galler Fürstabt und die Schirmorte Schwyz und Glarus suchen dies zu verhindern. Die neusten umfassenden Darstellungen der Reformation im Toggenburg stammen aus der Zeit um 1950. Sie stellen, abhängig von der konfessionellen Position, im Jahr 1524 eine «Abfallbewegung» oder einen «ersten Sieg des Evangeliums» fest.

Reformation im Toggenburg – Teil 1

In der Reformationszeit vor 500 Jahren zerfällt die frühere religiöse Einheit im Toggenburg. Unter dem Einfluss des Reformators Ulrich Zwingli wenden sich grosse Teile dem «neuen Glauben» zu. Nach dem Tod von Zwingli im Oktober 1531 entsteht das noch heute existierende Nebeneinander von Katholiken und Reformierten. Eine sechsteilige Serie zeichnet die Ereignisse von 1522 bis 1532 nach. (red)