Reallehrer und Eisenbahn-Fotograf

WATTWIL. Viele kennen Markus Schälli als Bassisten der Bluesband Invade, und Generationen von Realschülern erlebten ihn als Lehrer. Aber wenige wissen, dass er der Fotograf des Südostbahn-Kalenders ist. Im Sommer geht der 62jährige Reallehrer in Pension.

Hansruedi Kugler
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Markus Schälli in seinem Schulzimmer. Hinter der Zimmertüre hängt jeweils der neuste Südostbahn-Kalender mit seinen Fotos. (Bild: Hansruedi Kugler)

Markus Schälli in seinem Schulzimmer. Hinter der Zimmertüre hängt jeweils der neuste Südostbahn-Kalender mit seinen Fotos. (Bild: Hansruedi Kugler)

Schon als Dreijähriger klebte Markus Schälli oft an der Fensterscheibe: Das Appenzeller Viadukt vor Augen und die Lokomotiven drauf: «Ich rannte bei jedem Zug ans Fenster», erzählt er und lacht. «Man muss bedenken, in den 1950er-Jahren fuhren aus heutiger Sicht richtige Oldtimer auf den Schienen. Das ratterte und quietschte jeweils gewaltig.» Die Faszination für die Eisenbahn sass tief und blieb bis heute. Zweimal zügelte die Familie Schälli: zuerst nach Uzwil, schliesslich nach Herisau. Und immer war eine Eisenbahnlinie in Sichtweite. Als Neunjähriger fand Markus Schälli in Herisau auf einer Abfallhalde Glasplatten-Fotos vom Bau der Südostbahn in den Jahren 1908 und 1909. So war auch die Faszination für die Fotografie gelegt. Dass er heute, kurz vor seiner Pensionierung als Reallehrer, offizieller Fotograf des Südostbahn-Kalenders ist, hätte er sich aber nicht träumen lassen. Da brauchte es dann doch noch ein paar Zufälle.

SOB-Fotograf durch Zufall

Es war vor allem einer der SOB-Chefs, der vor sechs Jahren im Bahnhof Ebnat-Kappel originelle Kalender mit richtigen Zügen und Eisenbahnmodellen sah. Markus Schälli, der in Ebnat-Kappel wohnt und in der Freizeit aus Kunststoff alte Lokomotiven und Zugwagen baut, hatte Fotos davon zu einem Kalender für seine Freunde gebunden und dem Bahnhofvorstand ein Exemplar geschenkt. Denn dieser hatte ihn mit Tips versorgt, wann und wo besondere Zugskompositionen fahren. Da die SOB gerade einen neuen Fotografen suchte, war der Vertrag bald abgeschlossen. Der diesjährige Kalender ist bereits der vierte, für den Markus Schälli fotografiert. Die Fotos für 2016 sind gemacht, der Vertrag bereits bis 2017 verlängert.

Reallehrer – der härteste Job?

Einem glücklichen Zufall hat Markus Schälli auch seinen Beruf zu verdanken. Denn er kam erst über einen Umweg wieder in die Schule: «In der Sekundarschule Flade in St. Gallen hatte ich am Ende den totalen Schulverleider. Das Pauken als Schulstil war mir zuwider», sagt er. Als Eisenbahn-Fan lag es nahe: Er begann die Verkehrsschule. Dort hat er bald bei der Schülerzeitung mitgemacht, und einer seiner Lehrer meinte, bei der Bahn könne er seine vielen Talente nicht wirklich ausleben. So ging Markus Schälli zurück in die Schule, absolvierte das Lehrerseminar und blieb danach 41 Jahre lang Reallehrer, 29 Jahre in Ebnat-Kappel, wo er auch 12 Jahre lang für die CVP im Gemeinderat sass, dann 12 Jahre in Wattwil. Reallehrer, ein harter Job? Markus Schälli nickt, betont aber: «Die Herausforderung macht diesen Beruf besonders spannend.» Das Ziel sei, den Schülern wieder zu Selbstwert zu verhelfen. «Viele haben jahrelang Misserfolge erlebt. Das ist verheerend», sagt Schälli. «Meine Aufgabe ist nicht in erster Linie, dass die Schüler gute Noten schreiben. Mein oberstes Ziel ist es, dass meine Schüler ihr eigenes Potenzial ausschöpfen und nach der Schule mit Selbstvertrauen ihren eigenen Weg finden.» Natürlich kämpfte man als Reallehrer oft gegen die Resignation bei den Schülern an. Aber er habe immer wieder sehr intelligente Schüler gehabt, die später Karriere gemacht haben. «Wenn ich einen Betrieb besuche und einen ehemaligen Schüler als zufriedenen Angestellten oder gar Betriebsleiter sehe, macht mich das glücklich.»

Ordnungsliebend und kreativ

Ein Blick ins Schulzimmer von Markus Schälli im zweiten Obergeschoss des Schulhauses Risi genügt, um zu sehen: Hier herrscht ein ordnungsliebender Mensch. Nirgends Unordnung, alle Bücher und Ordner stehen in Reih und Glied in den Vitrinen. Markus Schälli lacht: «Ja, das hat schon was. Ich habe gerne Ordnung. Ein Pedant bin ich aber deshalb noch längst nicht.» Bei einer Weiterbildung zum Thema Hirnstrukturen sei herausgekommen, dass er sowohl einen starken Hang zu Ordnung wie zu kreativem Chaos habe. «Das ist ein Spannungsfeld, das ich als Lehrer nutze», sagt er. Denn in diesem Beruf brauche man hundert Ideen und gleichzeitig einen Sinn für Ordnung, damit man die Lerninhalte auch vermitteln könne.

«In Band spielen ist einmalig»

Ordnung und kreatives Chaos geben auch beim zweiten Hobby von Markus Schälli eine notwendige Spannung: Seit 17 Jahren zupft er die Bassgitarre bei der Toggenburger Bluesband Invade. Ein Showman ist er weder hier noch im Schulzimmer. «In einer Band zu spielen, ist aber einmalig. Bei Invade sowieso, weil wir einen genialen Zusammenhalt haben», sagt er. Darum bleibt der Freitagabend auch über seine Pensionierung hinaus fix reserviert für die Bandproben. Froh ist er aber, dass er für das Fotografieren mehr Zeit haben wird: Denn nach der Schule oder an den Wochenenden jeweils am frühen Abend (dann ist das Licht am besten) auf Foto-Tour zu gehen, kann anstrengend sein. Was er sich auch vorgenommen hat: viel zu reisen, auch ohne Eisenbahn-Fotos.