Rauschpfeifen mit Windbläss

Unterhaltsames Kurzkonzert am Freitag in der Webstube Büel: «Windbläss» spielte und vertonte Gedanken des Komponisten Mauricio Kagel, des Erfinders des instrumentalen Theaters.

Michael Hug
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NESSLAU. «Wenn die Windbläss-Musiker in die Tasten greifen und Wind machen, putzen sie den Hörerinnen und Hörern auch gerne mal die Ohren.» So stand es in der Ankündigung für das Konzert vom vergangenen Freitagabend in dieser Zeitung. Da ersetzt wohl eine freche Behauptung den Titel, dürfte mancher und manche gedacht haben, der weitergedacht hat. Wer nicht weit gedacht hat, der (oder die) sagte sich: «Da gehe ich hin und schau zu, dass mir die Ohren geputzt werden. Und wer doch ein bisschen weitergedacht hat, dem (oder der) ist aufgefallen, dass die Ankündigung wohl von Zuhörenden beiderlei Geschlechts spricht, aber nicht von den Protagonisten auf der anderen Seite der Bühnenkante, von den Musikerinnen.

Erklärungen müssen herhalten

Doch davon später. Wenn man die Werke des argentinischen Komponisten Mauricio Kagel (1931–2008) noch nie gesehen oder wenigstens gehört hat, müssen Erklärungen herhalten. Erklärt hat es am Freitag der Vierte im Bunde, Jost Kirchgraber. Er führte durch die acht gebotenen Stücke als Moderator und Kommentator. Doch er plazierte seine Kommentare nicht in den Pausen, sondern ganz so, wie es der Komponist wollte: Nämlich gleichzeitig zur Musik. Daraus entstand schon zu früherer Zeit ein Hörspiel namens «Rrrrrrr», das Zeitgenossen Kagels hörend geniessen konnten oder mussten. Der seltsame Titel ergab sich aus Kagels Zwischentitel für die 41 Stücke, die das ganze Werk umfasste. Sie beginnen alle mit einem «R».

Ragtime, Rosalie und Ripieno

Und so spielten Heidi Bollhalder (Cembalo), Markus Meier (Flöte, Oboe) und Wolfgang Sieber (Hausorgel) «Ragtime», «Rosalie», «Ripieno» und «Rauschpfeifen», währenddem Kirchgraber (Zeitung lesend, wie von Kagel vorgesehen) Kommentare wie: «Traumgrundstück, unverbaubar, freie Sicht aufs Meer...» von sich gab. Skurril das Ganze und man fragte sich, was das eigentlich soll. Doch Mauricio Kagel war skurril, verschroben, ironisch und manchmal zynisch. Er kritisierte den Musikbetrieb seiner Zeit und er kritisierte auch die Kritiker: «Allerdings begann ich bald zu lernen, dass grosse Musik sich ohne Ausnahme gegen die Musikkritik durchsetzen musste.

Schöner und leidenschaftlicher

Die Kritiker begriffen immer erst später, immer mit einem Rest von Missverstehen, immer mit der falschen Distanz im entscheidenden Augenblick, immer wieder als Anwälte von Spiessern, Möchtegernen, Unzufriedenen und Nichtgönnern, immer noch mit Begriffen, die – obwohl es leere pathetische Hülsen sind – auf Komponisten zunächst wie Bleigewichte wirken.» Kagel wehrte sich auf seine Weise, indem er seine Musik veräppelte und Musik seiner Kollegen persiflierte. Doch immer auf liebevolle, künstlerische und ausdrucksstarke Weise, so dass manches hinterher schöner und leidenschaftlicher daherkam als zuvor. «Rrrrrrr» zeugt beispielhaft von Kagels Umgang mit pathetischen Titeln und Ankündigungen. Den Zuhörenden in der Webstube blieb nichts anderes übrig, als das zu tun, wofür Zuhörende da sind: Zuhören, sich die Ohren putzen lassen. Nämlich von der Musik, die daherkam wie Hintergrundmusik, wie sie allzu oft in der heutigen Zeit mitplätschert im täglichen Leben, und von den Worten Jost Kirchgrabers, die ebenso Alltägliches wiedergaben. Unnütz Zweiteres eigentlich, aber symbolhaft und metaphorisch. Der vergnügliche, nur einstündige Abend endete mit einer Eigenkomposition von «Windbläss», die sich auf ihre Weise dem Programm anschmiegte: «Ranz de vache».