Raubüberfall in Wildhaus geklärt

LICHTENSTEIG. Ein Vorarlberger muss sich vor dem Kreisgericht unter anderem wegen Raubüberfällen und wegen mehrfacher Freiheitsberaubung verantworten. Dazu kommen weitere kleinere Delikte. Das Gericht spricht ihn teilweise frei.

Martin Knoepfel
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Die Verkäuferinnen des Spar Wildhaus wurden im Oktober 2013 überfallen. Ein Täter wird vom Kreisgericht Toggenburg deswegen verurteilt. (Bild: Christiana Sutter)

Die Verkäuferinnen des Spar Wildhaus wurden im Oktober 2013 überfallen. Ein Täter wird vom Kreisgericht Toggenburg deswegen verurteilt. (Bild: Christiana Sutter)

Der 31. Oktober 2013 endet für zwei Frauen in Wildhaus bös. Es ist 18.55 Uhr, Zeit für den Feierabend, doch am Seiteneingang des Spar warten zwei Maskierte auf die Frauen. Als diese die Tür öffnen, drängen die Männer die beiden Verkäuferinnen ins Haus zurück. Einer bedroht sie mit einer Pistole.

Die Frauen rücken die Einnahmen heraus, 11 784 Franken plus 300 Franken aus einer Tasche. Dann schliessen die Täter die Opfer im fensterlosen Vorraum des WC ein und flüchten. Das Klopfen hört ein Hausbewohner. Er ruft die Polizei. Ein Dornbirner muss sich dafür und wegen weiterer Taten gestern im Kreisgericht in Lichtensteig verantworten. Als Komplize gilt ein Bregenzer (siehe Zusatztext).

Der Angeklagte sitzt im Gefängnis Pöschwies bei Zürich. Die Anklage wirft ihm qualifizierten Raub, Freiheitsberaubung und Entführung – immer mehrfach – plus Diebstahl, Sachbeschädigung und Hausfriedensbruch vor. Die Strafantrag lautet auf sechseinhalb Jahre. Ab fünf Jahren muss das Gericht in Fünferbesetzung urteilen.

Sechs Liter pro Tag

Der Mann lebt im Herbst 2013 in seinem Auto. Er ist Alkoholiker. Sechs Liter Wein im Tag sind für ihn nicht viel. Nach der Verhaftung habe die Amtsärztin dem Mann zum sanftem Entzug drei Liter Wein im Tag verordnet, sagt die Verteidigerin. Heute sei ihr Mandant nach einem Entzug körperlich clean, sagt er. Bei der Verhaftung hat der Angeklagte fast 4000 Franken und Euro bei sich. Ein Darlehen des Bregenzers, sagt er und betont kurz darauf, der Bregenzer sei kein Kollege, nur ein Bekannter.

Eine Verkäuferin im Spar habe den Mann auf Fotos als einen der Täter erkannt. Der Mann und sein Komplize seien am Vortag im Laden gewesen und aufgefallen, sagt der Staatsanwalt. Die Aussagen des Angeklagten seien widersprüchlich. Erst habe er behauptet, er sei nie im Spar gewesen. Später habe er erklärt, er sei mit dem Bregenzer dort gewesen. Bei der Verhaftung habe der Mann gesagt, er habe einmal in Wildhaus die Bank ausgeraubt und es sei in die Hose gegangen. Die Tat in Wildhaus ist für den Staatsanwalt qualifizierter Raub, denn die Schreckschusspistole hätte, auf kurze Distanz abgefeuert, die Frauen verletzen können. Die Freiheitsberaubung werde nicht durch den Raubtatbestand abgegolten. Die Täter hätten die Frauen zuerst ins WC gesperrt und, als sie sahen, dass es einen Fluchtweg bot, in den Vorraum.

Die Anwältin beantragt Freisprüche von den Vorwürfen des Raubes, der Freiheitsberaubung und des Hausfriedensbruchs. Ihr Mandant bestreite die Teilnahme am Raub in Wildhaus. Ein Opfer habe die Täter auf Fotos nicht identifiziert. Das andere spreche von einem jüngeren und einem älteren Täter. Die Täter hätten «Jugo-Deutsch» gesprochen, was ihren Mandanten entlaste, sagt die Verteidigerin. Für die übrigen Vorwürfe sei ein Jahr Haft, das mit der Untersuchungshaft und dem vorzeitigen Strafvollzug verbüsst sei, angemessen.

Für das Gericht ist klar, dass der Angeklagte und der Bregenzer den Spar in Wildhaus überfallen haben und dass die Anklage den Ablauf der Tat richtig schildert. Die Zeugenaussagen seien klar, sagt der Vorsitzende Richter. Da die Täter die Frauen ins Haus drängten, hätten sie Hausfriedensbruch begangen. Der qualifizierte Raub sei aber nicht gegeben, weil unklar sei, welche Waffe in Wildhaus benutzt worden sei. Gemäss der Rechtsprechung des Bundesgerichts sei der Tatbestand der Freiheitsberaubung nicht erfüllt, da das Einsperren der Opfer der Flucht gedient habe und Gewaltanwendung zur Sicherung der Flucht im Raubtatbestand enthalten sei.

Freispruch im Fall Haag

Laut Anklage haben der Dornbirner und der Bregenzer 2013 die Post Haag überfallen. Die Anklage lautet ebenfalls auf qualifizierten Raub, Freiheitsberaubung und Entführung sowie Hausfriedensbruch. Hier kommt das Gericht zum Freispruch nach dem Grundsatz «Im Zweifel für den Angeklagten». Der Angeklagte muss zwei Drittel der Verfahrenskosten zahlen. Dazu kommt eine Genugtuung für die Verkäuferinnen in Wildhaus. Weder Staatsanwalt noch die Verteidigerin sagten gestern, ob sie das Urteil weiterziehen werden. Die Verteidigerin sagte, das Gericht weiche nur in einem Punkt von ihrem Antrag ab. Bei der Strafe sei die Abweichung zwar gross.