Ratgeber, Zeitdokument und Überlebenskünstler: Der Appenzeller Kalender wird 300 Jahre alt

Der Appenzeller Kalender war das erste regelmässig erscheinende Periodikum in Ausserrhoden. Im Sommer ist die 300. Ausgabe mit 15'000 Exemplaren erschienen. Das Volkskunde-Museum Stein widmet ihm nun eine Ausstellung.

Lukas Pfiffner
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Der Appenzeller Kalender war und ist manches. Das erste regelmässig erscheinende Periodikum in Ausserrhoden, ein kostengünstig produziertes und streng zensuriertes Zeitdokument, ein offizielles Schulbuch, ein Stoff für die lesehungrige und wissensdurstige Landbevölkerung, ein Ratgeber, ein Prognostiker, eine Vorgabe für Kripseleien. Dazu schweizweit der auflagenstärkste Kalender und in der Zeit der Digitalisierung und Medienkonzentration ein Überlebenskünstler: Im Sommer ist die 300. Ausgabe mit 15'000 Exemplaren erschienen.

Wie es sich gehört, habe man sich für die Eröffnung der Sonderausstellung nach dem Appenzeller Kalender gerichtet. «Es war für diesen 31. Oktober Vollmond und Sonnenschein angesagt», sagte Kuratorin Nathalie Büsser und blickte in die Runde. Das schöne Wetter erlaubte es den Verantwortlichen des Appenzeller Volkskunde-Museums in Stein, die Vernissage am Samstag im Freien durchzuführen. Hans Sturzenegger begleitete den Anlass am Hackbrett.

Begeisterung schnell entflammt

Als vor einem Jahr die Idee der damaligen Präsidentin Simone Tischhauser aufgekommen sei, zum Jubiläum des Appenzeller Kalenders eine Sonderausstellung zu planen, habe sie zuerst einmal geschluckt, erzählte die Kuratorin. Würden eine derartige Menge Bleiwüste und eine Vielzahl von gedruckten Sachen tatsächlich etwas hergeben? Aber mit dem Einarbeiten ins Thema sei die Begeisterung schnell entflammt. «Und ich hoffe, sie überträgt sich auf die Besucherinnen und Besucher.» Die Ausstellung läuft bis am 29. August des nächsten Jahres.

Himmel und Erde verbunden

Die historische Bezeichnung für den Kalender («Brattig») lässt sich nach Auskunft von Nathalie Büsser überleiten in «Praktik», also Ausübung, Tätigkeit. In Kalendern sei aus dem Alltag berichtet worden: Welche Kuh wurde gekauft? Wie war das Wetter? Der Gründer, Johannes Tobler aus Rehetobel, war gelernter Mathematiker. Der Kalender sei auch eine Bühne für die Wissenschaft gewesen, habe Informationen und Prognosen geliefert über Seuchen, Finsternisse, Kriege, Friedensschlüsse. Über den Stand der Planeten und die besten Momente für Operationen, das Kartoffelsetzen oder Holzschneiden.

Die Kuratorin sagt:

«Der Appenzeller Kalender war ein Spiegel der Gesellschaft.»

Er brachte im Unterhaltungsteil auch Kuriositäten, exotische Tiere und Witze in die Bevölkerung, habe sozusagen Himmel und Erde verbunden. Deshalb sei der Titel der Ausstellung auch mit diesem Zusatz ergänzt worden.

Leihgaben erhalten

«Eine Ausstellungseröffnung ist gerade in der aktuellen Zeit ein Lichtblick und die Kultur als Anker und wichtiges Element der Freiheit etwas Bedeutendes», sagte Ursula Steinhauser, die Leiterin des Ausserrhoder Amtes für Kultur. Sie habe im Haus ihrer Grossmutter in Wolfhalden ein ganzes Regal mit Appenzeller Kalendern entdeckt.

«Deshalb freue ich mich persönlich sehr über die Sonderausstellung.»

Den Stiftungen wurde für die finanzielle Unterstützung gedankt, den Gestaltern für die Entwicklung und Umsetzung der Ausstellung – und Einzelpersonen sowie Organisationen für ihre Leihgaben. «Aus Bibliotheken und Privatbesitz können wir zahlreiche Gegenstände, Dokumente und Bilder zeigen», erklärte Nathalie Büsser.