Fall vor dem Ausserrhoder Kantonsgericht: Frau wirft Ex-Freund vor, über 100000 Franken veruntreut zu haben

Das Ausserrhoder Kantonsgericht muss sich mit einem Fall von Veruntreuung beschäftigen. Die Sachlage ist unklar.

Astrid Zysset
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Die Verteidigung fordert einen Freispruch, die Staatsanwaltschaft eine bedingte Haftstrafe.

Die Verteidigung fordert einen Freispruch, die Staatsanwaltschaft eine bedingte Haftstrafe.

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Die Geschichte birgt Spannung. Es geht um hohe Summen, Verrat und Betrug. Der Beschuldigte ist ein 58-jähriger Unternehmer. Ihm wird mehrfache Veruntreuung vorgeworfen. Als Privatklägerin tritt eine 68-jährige Ärztin aus dem Appenzellerland auf. Sie ist zugleich auch die ehemalige Lebensgefährtin des Beschuldigten. Hier sieht der Pflichtverteidiger vor dem Ausserrhoder Kantonsgericht denn auch das Motiv für die Anschuldigungen. So habe die Frau ihren Partner in flagranti mit einer anderen erwischt. Die Beziehung zerbrach. Was übrig bleibt, sind Anschuldigungen. Ob diese gerechtfertigt sind, darüber muss nun das Gericht entscheiden.

Geldtransfer sei rechtmässig gewesen

Genau genommen geht es um drei Tatbestände. In drei Fällen soll der Beschuldigte insgesamt rund 124000 Franken veruntreut haben. Jener selbst bestreitet nicht, das Geld an sich genommen zu haben. Allerdings sei dies rechtens gewesen, behauptet er. Das Geld sei für den Einkauf von Medikamenten wie auch Baumaterial für die Instandhaltung der Praxis aufgewendet worden. Belege jedoch fehlen. Die Verteidigung spricht vor Schranken davon, dass in der Buchhaltung der Ärztin ein Durcheinander herrschte. So gab es Zahlungen, welche der Beschuldigte getätigt hatte, die nicht zugeordnet werden konnten, respektive in die Buchhaltung eingeflossen sind. Die Verteidigung legt nahe, dass die Zweifel, ob die Forderungen gerechtfertigt sind, zu Gunsten des Beschuldigten ausgelegt werden sollen. Auch die Staatsanwaltschaft bestätigt in ihrem Plädoyer, dass die Forderungen nicht nachvollziehbar seien.

Rückblick: Der Beschuldigte und die Privatklägerin lernten sich 2004 kennen und zogen gemeinsam ins Appenzellerland. Hier eröffnete die Ärztin eine Praxis, ihr Lebensgefährte stand ihr unterstützend zur Seite. So übernahm er grosse Teile des Zahlungsverkehrs. Die Privatklägerin richtete ihm eine Vollmacht über die Praxiskonti ein. Er selbst nutzte fortan einen Online-Zugang. Die Ärztin selbst gab bei den Untersuchungsbehörden an, dass sie nie von der E-Banking-Möglichkeit Gebrauch gemacht habe. Als Buchhalterin hatte die Privatklägerin eine befreundete Patientin eingesetzt. Jene war es, welche darauf aufmerksam machte, dass es unautorisierte Zahlungen an den Beschuldigten gegeben habe. Die Verteidigung gibt anlässlich der Verhandlung an, dass die Buchhalterin überfordert gewesen sei und jetzt den Schwarzen Peter dem Beschuldigten zuschiebe. Eine weitere geschäftliche Zusammenarbeit: Die Privatklägerin habe Rezepturen für Nahrungsergänzungsmittel entworfen, und der Beschuldigte habe die Rohstoffe und den Vertrieb organisiert. Die Privatklägerin selbst wie auch der Beschuldigte waren an der Verhandlung Anfang Woche nicht zugegen. Das Gericht wird das Urteil in Abwesenheit des Angeklagten fällen.

Staatsanwaltschaft fordert bedingte Haftstrafe

Die Verteidigung fordert einen Freispruch. Zudem sollen die Forderungen auf den Zivilweg verwiesen werden. Der Beschuldigte selbst gilt als nicht vorbestraft. Eine frühere Vorstrafe wegen Veruntreuung wurde mittlerweile aus dem Vorstrafenregister gelöscht. Die Privatklägerin wurde im Laufe dieses Verfahrens wegen Hausfriedensbruchs im Jahre 2010 verurteilt. Sie soll unerlaubt in die Räumlichkeiten des Beschuldigten eingedrungen sein. Zudem finden sich in ihrem Betreibungsregisterauszug Forderungen von insgesamt 455000 Franken. Warum dies vor Gericht relevant wurde? Die Verteidigung meint, dass die Privatklägerin kein Unschuldslamm sei. Sie will Rache für die gescheiterte Beziehung, gab der Anwalt an. Die Staatsanwaltschaft fordert einen Schuldspruch. Die Haftzeit solle maximal zwölf Monate betragen und könnte zur Bewährung ausgesetzt werden. Zuzüglich soll dem Beschuldigten eine Busse auferlegt werden. Zu Gunsten des Mannes müsse berücksichtigt werden, so die Staatsanwaltschaft, dass 17000 Franken, welche der Beschuldigte veruntreut haben soll, zweimal gerechnet wurden. Somit verringere sich die Deliktsumme auf knapp über 100000 Franken. Zudem müsse die lange Verfahrensdauer als strafmildernd erachtet werden.

Begonnen hatte alles 2009. Die Privatklägerin erstatte Anzeige gegen den Beschuldigten wegen Diebstahls. Anfang 2010 erfolgte eine erweiterte Anzeige betreffend Diebstahls, Veruntreuung, evtl. unrechtmässiger Aneignung, Sachentziehung, versuchter Nötigung und evtl. Verletzung der ärztlichen Schweigepflicht. Es kam zu Befragungen und Hausdurchsuchungen. Schliesslich wurde das Verfahren im August 2016 eingestellt. Gegen diese Einstellungsverfügung erhob die Privatklägerin Beschwerde beim Obergericht, welches diese teilweise guthiess. Die Staatsanwaltschaft wurde angewiesen, die Sache zur Anklage zu bringen. Geprüft werden sollten Aneignungs- und Bereicherungsabsichten. Schliesslich kamen drei Tatbestände der Veruntreuungshandlungen vor Gericht. Der Richter gesteht sich ein, dass die Geschichte verworren ist. Um alle Indizien zu würdigen, brauche es Zeit. Ein Urteil wird frühestens in zwei, drei Monaten erwartet.