Quitt mit der Welt

Irgendetwas muss während der Evolution furchtbar falsch gelaufen sein.

Monika Egli
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Bild: Monika Egli

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Irgendetwas muss während der Evolution furchtbar falsch gelaufen sein. Wir sind doch nicht von den Bäumen geklettert, nur um Jahrtausende später an jedem Samstag ein Ungetüm von Wagen durch enge Gänge in Einkaufsläden zu stossen, überall anzuecken, stumpfsinnig in endlosen Schlangen zu warten und viele Aktionen nach Hause zu schleppen, die niemand essen mag – worauf sie in den Abgründen der Tiefkühltruhe verschwinden.

Die Zeit während des Schlangenstehens vertreibe ich mir öfter damit, über neue Modelle zur Beschaffung aller wichtigen Güter nachzudenken. Dabei ist das gar nicht nötig, denn schon seit je sind wir alle an einer Art Schattenwirtschaft beteiligt. Kommen Sie zu mir und ich zeige Ihnen auf Anhieb zwei Dutzend Gegenstände, die mir eigentlich gar nicht gehören: Alles erbeutete Leihgaben, die zurückzugeben ich so lange vergass, bis ich nicht mehr wusste, wem sie ursprünglich gehörten. Andererseits sind auch aus meinem Leben viele Gegenstände verschwunden. Darunter befinden sich Jacken und Pullover («mir ist kalt, hast Du nicht ein Jäckli?»), unzählige Bücher und CDs und seltsamerweise auch ein Rollkoffer. Mir fehlt Geschirr («kann ich von diesen Resten mitnehmen?»), ich vermisse Blumentöpfe («Du kriegst sie wieder im Herbst»), Schmuck («ich brauche ihn am Samstag zum Fest, am Montag hast Du ihn zurück»), einen Schlitten und ein Bänkli («ich male es Dir neu, irgendwann dieses Jahr»). Über diese Besitzerwechsel ärgere ich mich aber überhaupt nicht, denn ich achte meinerseits streng darauf, für jeden verschwundenen Gegenstand einen qualitativ sehr guten Artikel auszuleihen. Ich bin sozusagen quitt mit der Welt.

Diese Schattenwirtschafterei liesse sich beliebig erweitern. Allerdings gibt es eine lebenswichtige Sache, die sich nicht so leicht ergattern lässt: der Schuh. Ausreden, mit denen man Schuhe ausleihen kann, sind äusserst rar. Und dann braucht es auch noch die exakte Grösse, denn es gibt nichts Schlimmeres als Ohrenweh und Schuhe, die drücken. Dafür habe ich noch keine Lösung gefunden, aber ich denke darüber nach – beim nächsten Mal Schlangenstehen.

Bild: Monika Egli

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