Qualifikation
Als Assistent und Chef Richtung Europameisterschaften der Volleyballerinnen

Der Herisauer Frieder Strohm ist Assistent der Volleyball-Nationaltrainerin Saskia von Hintum - und gleichzeitig ihr Chef. Zusammen haben sie die Schweizerinnen an die EM geführt.

Lukas Pfiffner
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Frieder Strohm (links hinten) sieht am EM-Qualifikationsturnier in Minsk einen Smash von Laura Künzler (Nr. 14).

Frieder Strohm (links hinten) sieht am EM-Qualifikationsturnier in Minsk einen Smash von Laura Künzler (Nr. 14).

Bild: PD/Europäischer Volleyballverband

«Früher hatte das Nationalteam keinen so hohen Stellenwert. Wir waren No Names, absolvierten auch Testspiele gegen Klubs aus der Zweiten Bundesliga», sagt Frieder Strohm. Der 32-Jährige, der in Herisau gross geworden ist, hat als Assistenztrainer den Aufstieg der Schweizer Volleyballerinnen nah miterlebt. Im Frühling sicherte sich die Schweiz am Qualifikationsturnier in Minsk zum zweiten Mal in Folge sportlich die Teilnahme an der EM.

Das Wunder von Minsk

«Es war ein langer Prozess mit harter Arbeit. Wir haben mit Maja Storck und Laura Künzler fantastische Spielerinnen. Und wir sind abgeklärter geworden, können mit Widrigkeiten umgehen.» Er erinnert daran, wie an der EM 2019 in Bratislava ein Auto fast in den Mannschaftsbus gefahren sei. Und wie man ohne Coronafall durch die Woche in Minsk gekommen sei – «eigentlich ein Wunder».

Meistertitel und Knorpelschäden

Frieder Strohm, Assistenztrainer der Volleyball-Nati

Frieder Strohm, Assistenztrainer der Volleyball-Nati

Bild: Damien Sengstag

Nach der Schulzeit in Herisau besuchte Frieder Strohm die Pädagogische Maturitätsschule Kreuzlingen, begann in Bern ein Studium in Psychologie und Sport, brach dieses aus dem gleichen Grund ab wie die Spielerkarriere: Knorpelschäden im Knie. «2010 gehörte ich noch dem Meisterkader von Amriswil an.» Sein Vertrag bei den Thurgauern wurde eingehalten unter der Bedingung, dass er in den Betreuerstab des Nachwuchses wechsle. Von 2011 bis 2014 arbeitete er in Kreuzlingen bei den Frauen und im Nachwuchs. Darauf trainierte Strohm drei Saisons das NLB-Team von Aadorf, 2015 verpasste es knapp den Aufstieg. Er unterrichtete in Wiesendangen, studierte an der Pädagogischen Hochschule, merkte aber bald, dass seine Leidenschaft für den Volleyballsport auch seinen Beruf prägen sollte. Von 2016 bis 2020 war er in einem Teilpensum für das Leistungszentrum Volleyball Zürich tätig, bevor er im vergangenen Jahr die Volleyball Academy Zürich mit Trainingsort Kloten gründete. Deren Geschäftsführer und Headcoach ist Strohm. «Die Spielerinnen im Alter von 15 bis 19 trainieren zweimal täglich.» Sie wohnen in Wohngemeinschaften oder Gastfamilien und haben das Ziel, Profispielerin zu werden. Frieder Strohm sagt:

«Schon 2013 erhielt ich die Möglichkeit, beim Schweizer Verband einzusteigen, als Statistiker und Frauen-Assistenztrainer von Timo Lippuner.»

2017 wurde Strohm zum Assistenten der Juniorinnen-Nationalmannschaft ernannt, 2018 zu deren Headcoach und 2019 als Assistent von Saskia van Hintum in der Frauen-Nationalmannschaft bestätigt. Was zu einer speziellen Konstellation führt: Im Nationalteam ist er der Assistent der Holländerin. Und in der Volleyball Academy, wo sie mit einem 40-Prozent-Pensum angestellt ist, sind die Rollen umgekehrt. «Das passt», sagt Strohm.

Markenzeichen: Bart und ruhige Art

In Herisau, wo seine Eltern und die Schwester wohnen, hält er sich nur noch selten auf. Sein Pensum bei Swiss Volleyball beträgt 50 Prozent. Er ist mit der Freundin, die bei einem Privatradio arbeitet, in Schaffhausen zu Hause. Die höchsten Volleyball-Trainerdiplome hat er erworben, zudem schliesst er bald die Ausbildung als Trainer Spitzensport mit eidgenössischem Fachausweis (Swiss Olympic) ab. Die zügigen Karriereschritte legen die Frage nahe: Hat Strohm Ambitionen auf den Posten des Nationaltrainers? «Im Moment sicher nicht. Ich bin ein junger Trainer und würde mich nie auf eine Stufe mit Saskia stellen.»

Leidenschaftliches Coaching von Frieder Strohm.

Leidenschaftliches Coaching von Frieder Strohm.

Bild: Damien Sengstag

Dass Strohm am Qualifikationsturnier in Minsk Headcoach war, hing mit der angeschlagenen Gesundheit van Hintums in jenen Tagen zusammen. Am Fernsehen fiel er durch den Bart auf – und durch eine ruhige Art. «Grundsätzlich bin ich schon so.» Er versuche, den richtigen Weg zu finden, und könne auch einmal laut werden. «Wichtig ist, zu spüren, was es am Spielfeldrand wann braucht.»

Warum trainiert Frieder Strohm Frauen?

«Ich bin da hineingerutscht. Und es gibt in der Schweiz in dieser Sportart viel mehr Spielerinnen als Spieler. Es ist aber schon so: Ich arbeite gerne mit Frauen wegen ihrer Disziplin und des Ehrgeizes, im Volleyball etwas zu erreichen.»

Ende Juni beginnt die Vorbereitung des Nationalteams auf die EM. «Die Spielerinnen werden nur wenige freie Tage haben.» Ab 18. August werden die Titelkämpfe in vier Ländern ausgetragen. Die Schweiz spielt in Kroatien gegen die Gastgeberinnen, Ungarn, die Slowakei, Weissrussland und Italien.