Problemen auf den Grund gehen

Noch lange bevor die Jugendanwaltschaft zum Zug kommt, leisten die Schulen und die Sozialen Dienste in den Gemeinden ihre Arbeit – um auffälligen Jugendlichen zu helfen. Die Gemeinde Herisau geht als gutes Beispiel voraus.

Martina Brassel
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Herisau. Damit es nicht so weit kommt und Jugendliche straffällig werden, sind die Schulen und die Sozialen Dienste verpflichtet, bei auffälligen Jugendlichen rechtzeitig zu reagieren und die nötigen Massnahmen zu ergreifen. Die Gemeinde Herisau geht als gutes Beispiel voran. «Meist fallen Jugendliche, die Probleme haben, bereits in der Schule auf», weiss Andreas Alther, Leiter der Sozialen Dienste Herisau.

Wenn die Vaterfigur fehlt

Lehrpersonen erhielten oft vertiefte Einblicke in die familiäre Situation der Jugendlichen. «Erste Auffälligkeiten zeigen sich oft in disziplinarischen Problemen. Faktoren, welche aus meiner Sicht eine Rolle spielen, sind zunächst im Elternhaus zu suchen. Auffallend häufig scheint mir bei Problemjugendlichen das Fehlen einer positiven Vaterfigur», so Alther.

Oft versuchten die Jugendlichen beispielsweise durch selbst- oder fremdschädigendes Verhalten Aufmerksamkeit zu erlangen, um das fehlende Selbstwertgefühl zu kompensieren.

Gespräch mit Eltern suchen

In einem ersten Schritt versuchen die Lehrpersonen und die Schulleitung, den Problemen der Jugendlichen auf den Grund zu gehen.

Die Sozialen Dienste inklusive Jugendberatung kommen erst zum Zug, wenn sich hinter der Straffälligkeit gröbere persönliche beziehungsweise familiäre Probleme verbergen. «Als erstes suchen wir die Kooperation mit den Eltern beziehungsweise dem erziehungsberechtigten Elternteil. Dazu gehört auch, diese damit zu konfrontieren, wie wir das Problem sehen», so Alther.

Wenn grössere Probleme zu lösen seien, müsse stets die Frage abgeklärt werden, ob und wenn ja mit welcher – auch vormundschaftlicher – Massnahme der Familie oder dem Jugendlichen am besten gedient sei. «Um das herauszufinden, arbeiten wir eng mit kinder- und jugendpsychiatrischen Stellen zusammen», erklärt Alther.

Über die Erfolgschancen kann Alther keine Aussage machen, da die Zuständigkeit des Vormundschaftsamtes üblicherweise mit Erreichen der Mündigkeit endet. Er ist aber überzeugt: «Massnahmen können ein wirksames Mittel sein, <Totalabstürze> beispielsweise in die Drogensucht zu verhindern. Indem Grenzen gesetzt werden, sind diese auch geeignet, Verhaltensänderungen zu bewirken.»

Acht bis zwölf Fälle pro Jahr

Die Sozialen Dienste in Herisau befassen sich jährlich mit acht bis zwölf Jugendlichen, bei denen erzieherische Probleme mit strafrechtlichen Auffälligkeiten korrelieren. «Je länger man mit Eingreifen zuwartet oder je länger die Probleme im Verborgenen bleiben, umso schwieriger gestaltet sich die Geschichte. Wir handeln im Sinne von Früherkennung und Frühintervention. So hoffen wir, aktiv Einfluss auf die Entwicklung nehmen zu können», so Alther.

Nicht alle Gemeinden im Kanton Appenzell Ausserrhoden gehen wie Herisau mit gutem Beispiel voran (siehe Text links oben). Aus diesem Grund steht auch Alther dem Entscheid des Kantonsrats zum Justizgesetz (siehe Text links) mehr als skeptisch gegenüber: «Bei diesem Entscheid steht der Jugendschutz nicht im Vordergrund. Vielmehr geht es um die finanzielle Entlastung der Gemeinden bei teuren Plazierungen.

» Alther befürchtet, dass mit diesem neuen Finanzierungsmodell in Zweifelsfällen mit der Plazierung noch länger zugewartet oder gar von Anfang an nichts unternommen wird, bis die Jugendanwaltschaft handelt.