PREMIERE: «Weniger ist mehr»

Die erste Theaterproduktion der Kulturbühne Gais gastierte im ehemaligen Wetterstudio. Nachdenkliche Themen wurden in einer heiteren Art inszeniert.

Ulrich Scherrmann
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Die Zukunft des Schwäbrig als Meditationszentrum? (Bild: PD)

Die Zukunft des Schwäbrig als Meditationszentrum? (Bild: PD)

Ulrich Scherrmann

redaktion

@appenzellerzeitung.ch

Jutta Hoop, Produzentin des Theaterprojekts und Vorstandsfrau der Kulturbühne Gais, begrüsste an zwei Abenden die zahlreich erschienenen Zuschauer im ehemaligen Fernsehstudio der Wetterstation von Jörg Kachelmann. Die Produzentin des Stücks «Weniger ist mehr» führte in die Entstehungsgeschichte ein. Im August 2016 folgten zwölf Interessenten dem Aufruf der Kulturbühne, von denen sich dann fünf zum Mitspielen begeistern liessen. Im September wurde mit den Proben begonnen, wobei allerdings kein fertiges Stück als Vorlage vorhanden war, sondern ein eigenes Stück entstehen sollte. Dies forderte von den Schauspielerinnen und Schauspielern einiges ab: Theaterpädagogin Rahel Stieger konfrontierte sie mit Szenen aus dem Alltag, liess sie experimentieren, neue Seiten an sich entdecken und fokussierte mit ihnen immer wieder auf heitere und skurrile Themen aus ihren alltäglichen Erlebnissen. Es entstand ein offener Prozess, der allerdings im Arbeitstitel «Weniger ist mehr» einen Rahmen bekam und schliesslich zu diesem heiteren und zugleich nachdenklichen Theaterprojekt führte.

Sophie (gespielt von Claudia Eisenhut), als kleines Mädchen ohne die vielbeschäftigten Eltern aufgewachsen, hat ihre eigene Sicht auf die Welt entwickelt: Warum brauchen wir so viele elek-tronische Geräte, warum werden Freunde auf der «To-Do-Liste» geführt, warum gibt es keinen normalen Kaffee mehr? Der Ort, an dem dies augenfällig wird, ist das moderne Café: Zuhauf werden Pappbecher verschwendet, es gibt Dutzende von Kaffee- und Teesorten, die eine Auswahl aber nicht gerade einfacher machen. Der Überfluss wird für den Konsumenten zum Problem! Magdalena (alias Lilo Cecchinato Glunk), als reiche Dame auftretend, will nur einen Cappuccino ohne irgendwelchen Schnickschnack. Da dies nicht so einfach möglich ist und ihr der Konsumwahnsinn bewusst wird, wird sie radikal und rastet aus. Sie pfeift nicht nur auf den Cappuccino, sondern legt ihr Schickimicki- Leben mit Diamantohrringen, Nerzkostüm und Tigermantel ab. Diese Einstellung passt allerdings Madame Dubois (alias Beatrice Walser), Immobilienmanagerin, überhaupt nicht. Sie will den Schwäbrig möglichst bald verkaufen und setzt alles daran, dass dies auch umgesetzt wird, wenngleich ihr feines Auto im Unwetter durch einen Baum zerstört wird. «Mehr ist mehr» ist ihre Devise, es braucht Wachstum, damit die Welt nicht untergeht. So verwundert es nicht, als sie freudestrahlend von einem arabischen Investor erzählt, der das Gebäude übernehmen könnte. Paulus (alias Jürg Hochuli), der Abwart der Wetterstation, verkörpert als ehemaliger Lateinlehrer einerseits den weisen, humanistisch gebildeten Zeitgenossen, andererseits aber auch den Praktiker, der für Ordnung und Sauberkeit sorgt. Seine lateinisch formulierten Gedanken, seine Ausflüge in die Geschichte oder die griechische Mythologie lösen bei den anderen nur Unverständnis aus. Er ist Vertreter einer Generation, die scheinbar in einer anderen Welt lebt; pointiert bemerkt er: «Warum gehen unsere Kinder nicht mehr auf die Alp, um dem Bauern zu helfen, sondern reisen auf die Malediven?

Was wird nun aus der alten Wetterstation?

Diese Frage lässt die Theatertruppe nicht kalt. Und so entstehen originelle Vorschläge, die in einer Abstimmung beim Publikum bewertet werden. Man könnte ein Kulturzentrum eröffnen oder den Traum vom neuen Resort in Gais mit Luxushotel und Hochhaus umsetzen? Auch eine Fladenbrotbäckerei mit Bäcker Köbi und Flüchtling Ahmed wäre eine Idee? Man könnte ein Meditationszentrum anstreben oder alles so belassen, wie es ist. Das Theaterstück klang mit einem Augenzwinkern für die Zukunft aus: «Der Sternenhimmel über Gais, das ist die wirkliche Welt, das ist der Blick ins Universum. Weniger ist mehr – lasst uns das erhalten!», war ein berührender Schlussgedanke, den die weise Sophie allen mit auf den Heimweg gab. Danach bot «Anitas kleines Café» einen wunderbaren Rahmen, um sich über die überspitzten Pointen auszutauschen und erste Ideen für eine neue Produktion zu entwickeln.