Präventionstheater
«Ich brauche die Likes! Likes bedeuten Liebe» – wie ein Theater auf die Gefahren von Social Media aufmerksam macht

Am Dienstag lernten zwei 7. Klassen aus Urnäsch etwas über Cybermobbing und weitere mögliche Gefahren von den sozialen Medien. Das OMG-Theater mit Philipp Langenegger war zum ersten Mal in der Alten Stuhlfabrik in Herisau zu Gast.

Ramona Koller
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Moderator Philipp Langenegger und «Influencer Marvin» (rechts) zeigen, dass online nicht alles ist, wie es scheint.

Moderator Philipp Langenegger und «Influencer Marvin» (rechts) zeigen, dass online nicht alles ist, wie es scheint.

Bild: rak

Influencer Marvin sitzt vor seinem Laptop und knüpft mit Hilfe eines Youtube-Tutorials einen Henkersknoten. Auf seinem Handy startet er einen Livestream in einem sozialen Netzwerk. Als er den Strick über einen Balken wirft und auf einen Stuhl steigt, gehen die Kommentare durch die Decke. Während einige Witze über die Situation reissen, sind andere Kommentierende schockiert. «OMG, was machst du?», lautet einer der letzten Kommentare, die man sieht, bevor das Bild schwarz wird ...

«OMG» steht für «Oh mein Gott» und ist ein beliebter Ausruf vor allem bei Jugendlichen. «OMG» lautet auch der Titel des Theaters, in dessen Rahmen die Szene mit Marvin gezeigt wird. Verantwortlich für das Präventionstheater ist unter anderem Schauspieler Philipp Langenegger. Geschrieben wurde es von Oliver Daume, der auch Marvin verkörpert.

Weitere Präventionsstücke in Planung

Das Präventionstheater richtet sich an Jugendliche in der Oberstufe und soll aufzeigen, wo die Gefahren im Umgang mit den sozialen Medien lauern. Im Schuljahr 2019/20 wurde das Theater erstmals an Schulen in der Region gezeigt. Zusätzlich fanden nach den Aufführungen jeweils Lektionen zum Thema statt, in denen sich die Jugendlichen mit den Schauspielern und Fachpersonen austauschen konnten. Nach einer coronabedingten Pause wurde das Theater in der Alten Stuhlfabrik in Herisau gezeigt. Im Publikum sassen die 7. Klassen aus Urnäsch. Künftig solle das Theater wieder an Schulen gezeigt werden. Der Aufführungsort Alte Stuhlfabrik wurde für einmal gewählt, damit auch externe Fachpersonen das Theater besuchen konnten. Das Angebot soll ausserdem wachsen. Es bestehe bereits die Nachfrage nach Theatern zu anderen Themen wie beispielsweise Rassismus, erklärt Daume. Auch die Eltern sollen künftig einbezogen werden. Auf die Idee für das OMG-Theater zum Thema Cybermobbing und Social-Media-Gefahren sei er gekommen, nachdem er ein SRF-Dokumentarfilm über den Influencer Younes Saggara gesehen hatte. Daume erinnert sich:

«Ich war schockiert, unter was für einem Druck der damalige Teenager stand und wie viel Zeit er für das Influencen aufwendete.»

Der Mittelpunkt des Stücks ist das Meet and Greet mit Influencer Marvin. Langenegger stellt ihm als Moderator Fragen zu seinem Leben in den sozialen Medien. Auf einer Leinwand im Hintergrund werden jeweils Aufnahmen vom fiktiven Instagramprofil von Marvin, oder von solchen realer Personen gezeigt. Auch einen Schüler bittet Langenegger auf die Bühne und zeigt via Livevideo auf der Bühne das öffentliche Instagramprofil des Jugendlichen. Drei Fotos sind darauf zu finden. Allesamt von Tieren oder Aussichten im Appenzellerland. Langenegger lobte zum Schluss der Vorstellung die Urnäscher Schülerinnen und Schüler, die sehr zurückhaltend auf sozialen Medien präsent sind. Nicht alle haben ein Smartphone. Bei anderen Klassen sei dies ganz anders gewesen, erklärt Langenegger. In diesen Klassen hole er Jugendliche auf die Bühne, mit denen er kritische Gespräche führte. «Bisher haben alle die Kritik gut angenommen», sagt Langenegger.

«Likes bedeuten Liebe»

In Videoausschnitten, die auch zum Stück gehören, kommen neben Marvins Schwester auch Fachpersonen, aber auch die Schweizer Influencerin Belinda Lenart zu Wort. Man sieht ausserdem auf der Leinwand, dass Marvin zu Hause unter grossem Druck seitens seines Vaters steht. Auch in den sozialen Medien herrscht grosser Druck für den Influencer. «Ich brauche die Likes. Likes bedeuten Liebe», erklärt Marvin alias Oliver Daume. Just als die Likes weniger werden und er Follower verliert, taucht noch ein Fakeprofil mit unvorteilhaften Fotos von Marvin auf. Das Stück springt wieder zur Anfangsszene mit dem Strick. Dieses Mal sieht das Publikum jedoch, dass auch Marvins Schwester zuschaut und Marvin rechtzeitig zu Hause erreicht, um ihn von seinem Vorhaben abzubringen und ihm zu sagen, dass er sich zu sehr in der virtuellen Welt verliert.

Das OMG-Theater besucht Schulen auf Anfrage. Die Kontaktdaten finden sich unter www.omg-theater.ch

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