Prächtige Aussichten für Frauen

Glosse

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Nicht nur die hiesigen Landwirte sind ein Highlight. (Bild: PD)

Nicht nur die hiesigen Landwirte sind ein Highlight. (Bild: PD)

Frauen verlassen das Appenzellerland, hiess es kürzlich in einer Statistik. Wirklich? Man soll keiner Statistik trauen, die man nicht selber gefälscht hat, sagt man. Weshalb sollten die Frauen das Appenzellerland verlassen? Wo soll es sich besser leben lassen als hier, denkt sich die Schreiberin, wohlgemerkt eine, die seit über 20 Jahren im Kanton lebt und nach wie vor keine Fluchtabsichten hegt. Nehmen wir nur mal die Lage: Fernblick pur. Beim Staubsaugen auf den Bodensee blicken, beim Fensterputzen den Rehen am Waldrand zuschauen, beim Kochen die Kinder auf ihrem Nachhauseweg auf dem Landsträsschen beobachten – welche Frau wünscht sich das nicht. Hausarbeit – die uns ausfüllendste aller Tätigkeiten – könnte schöner und befriedigender nicht sein.

Die Kinder indes sind im Appenzellerland unheimlich gut aufgehoben, und man muss sich als Mutter nicht einmal gross Mühe geben oder sich aufopfern, denn im kleinen «Kantönli» werden Kitas en masse betrieben. Frauen, die mit einem Zuzug oder auch einem Umzug innerhalb des Kantons liebäugeln: Geht ins Vorderland, dort bekommt man bis zu einem Jahreslohn von 160000 Franken sogar einen Zustupf an die Kinderbetreuung, und das Schönste: die kleinen Balge werden gegen eine Entschädigung auch noch fremderzogen. Abends stellt man sie dann ein, um auf dem heimischen Hof die Ziegen zu melken oder die Kühe in den Stall zu treiben, und schon sind die Kleinen zu müde, um auch nur noch ein Wort der Widerrede zu sprechen und gehen direkt ins Bett. Feierabend könnte schöner nicht sein.

Mit dem Ehemann läuft’s ähnlich: Vergessen sie dann und wann das Abendessen, und er wird es sich in der Stammbeiz – jaja, davon gibt es viele im Appenzellerland – holen, und mit ein wenig Glück wird er noch den einen oder anderen Kafi-Fertig trinken. Und Sie? Sie machen sich ohne den Nörgler zu Hause einen schönen Abend vor dem Fernseher. Auch während den sehr kurzen Wintermonaten klappt dies ausgezeichnet. Dann nämlich, wenn in gewisse Täler und Quartiere nie auch nur ein Sonnenstrahl dringt. Glücklich jene Frauen, die einen solchen Ort ihr Zuhause nennen dürfen: Man muss nicht einmal ein schlechtes Gewissen haben, wenn man stundenlang herumlümmelt und das Haus nicht verlässt, die Kinder sind ja sowieso am Dösen und der Mann am Saufen.

Wenn wir gerade beim männlichen Geschlecht sind: Bei uns tummeln sich nur Prachtexemplare – und hier ist nicht etwa das «Veech» gemeint, das jährlich an den Viehschauen ausgezeichnet wird. Nein, nein, wir sprechen hier vom starken Geschlecht. Wer’s nicht glaubt, soll sich nur mal die Bauernkalender der vergangenen Jahre anschauen. Immer wieder ziert ein hiesiges Exemplar in Hochglanz etliche Stuben der Schweiz. Die Frauen im Waadtland schmachten, und wir haben sie bei uns direkt vor der Haustüre!

Unter einem Gesichtspunkt scheint die Landflucht allerdings verständlich: Für Frauen kann das Appenzellerland auch überfordernd wirken. Schliesslich müssen wir Weibchen seit wenigen Jahren sogar wählen. Dann heisst es statt langer Abende vor dem Fernseher, blättern in den Wahlunterlagen. Dann und wann kann sich dies als komplexe Materie herausstellen, dann nämlich, wenn die Kandidierenden selbst nicht genau wissen, ob sie nun Männlein oder Weiblein sind. Aber, liebe Frauen, das zeigt auch, dass das Appenzellerland trotz gegensätzlicher Aussagen liberal ist. Egal wie man aussieht, man kann sich als Mann, Frau oder alles dazwischen betiteln.

Dies ist natürlich keine abschliessende Liste, das Appenzellerland hat für Frauen noch ganz viel mehr zu bieten. All jene, die davon noch nicht überzeugt sind, soll noch eines verraten sein: Das Appenzellerland gilt als Goldstück, umgeben vom Kuhfladen, namentlich dem Kanton St. Gallen. Und welche Frau kann dem glänzenden Edelmetall widerstehen? Eben: nursolche, die deren wahren Wert nicht kennen. (pag)