potzt ond gschtrählet

Am Anfang war das Feigenblatt Davor war alles so berückend unkompliziert und natürlich. Adam und Eva ergingen sich in paradiesischer Unbefangenheit und in grenzenlosem Glück im Garten Eden, hüllenlos und damit fernab jeden Gedankens, wie denn die Blössen zu bedecken wären.

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Am Anfang war das Feigenblatt

Davor war alles so berückend unkompliziert und natürlich. Adam und Eva ergingen sich in paradiesischer Unbefangenheit und in grenzenlosem Glück im Garten Eden, hüllenlos und damit fernab jeden Gedankens, wie denn die Blössen zu bedecken wären. Es war ja auch niemand anders zugange, der an der Nacktheit hätte Anstoss nehmen können. Und Er billigte den von Ihm geschaffenen Naturzustand anstandslos. Als dann die Schlange in ihrer verführerischen Hinterhältigkeit Eva dahin brachte, nach der Frucht vom Baum der Erkenntnis zu greifen und auch Adam davon kosten zu lassen, war es mit der hüllenlosen Herrlichkeit vorbei. Fortan erhielt das Feigenblatt eine zusätzliche Funktion als Bekleidungselement, wobei dem Begriff «Bekleidung» natürlich noch nicht seine nachmalige Bedeutung eigen war. Aber konsequent weitergedacht, nahmen die Dinge nun sukzessive jenen Lauf, der über verschiedene Entwicklungsstufen geradewegs hinführte zu Yves Saint Laurent, zu Christian Dior, zu Coco Chanel und zu Karl Lagerfeld. Voraussetzung dafür war allerdings ein bei Eva aufkeimender Wunsch, als sie des Feigenblatts allmählich überdrüssig wurde. Hätte sie diesen Wunsch nicht geäussert, sähe die Welt heute – zumindest aus modischem Blickwinkel – wohl ganz anders aus. Und diese Lifestyle-Seite hätte nicht den New Look zum Thema machen können. Aber eben, irgendwann nahm Evas Wunsch, vom Feigenblatt Abstand zu nehmen, in einem verhängnisvollen Satz Gestalt an, der alle Dämme zum Brechen brachte. Der Satz lautete: «Adam, ich möchte mich neu ausstaffieren.»

Martin Hüsler