Post von Olli

Olli war im Sommer 1993 plötzlich verschwunden. Den Zettel, den er an die Tür seines Bauwagens geheftet hatte, hatten wir eingerahmt und auf der Diele des Instituts für Lebenstauglichkeit aufgehängt.

Lars Syring
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Olli war im Sommer 1993 plötzlich verschwunden. Den Zettel, den er an die Tür seines Bauwagens geheftet hatte, hatten wir eingerahmt und auf der Diele des Instituts für Lebenstauglichkeit aufgehängt. Wer seine Existenzberechtigung vor der Toilette mit dem angeketteten Stempel verlängern wollte, kam automatisch an seiner Botschaft vorbei. «Musste dringend weg. Komme bald wieder. Macht schon mal alleine weiter. Olli.» Es dauerte etwas über zwei Jahre, bis wir wieder ein Lebenszeichen von Olli bekamen. Es war eine Postkarte. In kindlicher Schrift hatte er darauf gekritzelt: «Na? Wie geht's? Wie steht's? Ich bin für eine Weile untergetaucht. Habt ihr ja sicher bemerkt. Brauche Abstand. Suche neue Kraft und neue Quellen. Bin fündig geworden, so scheint's. Dazu später mehr. Haut rein!» Wir waren einigermassen perplex. Was wollte Olli uns damit sagen? Auf der Rückseite der Karte war ein langes Zitat von Rudi Dutschke. «Revolution ist nicht ein kurzer Akt, wo mal irgendwas geschieht und dann ist alles anders. Revolution ist ein langer komplizierter Prozess, wo der Mensch anders werden muss. Wir haben vor zwei Jahren in kleinen esoterischen Zirkeln geglaubt, wir haben den Weltgeist für uns gemietet. Heute sind es tausende. Eine Minoriät. In der Tat. Aber der Prozess der Veränderung geht über diesen Weg des langen Marsches durch die bestehenden Institutionen. Es wird einen weltweiten Prozess der Emanzipation geben.» Nun ja. Rudi Dutschke also. Ich hatte aus meinem Politik-Unterricht immer noch den Soziologen Ralph Dahrendorf im Kopf, der Dutschke die fehlende Handlungsrelevanz seiner Worte vorwarf. Hatte Olli jetzt diese Handlungsrelevanz entdeckt? Marschierte er jetzt durch die Institutionen? Denn Dutschke hatte ja Recht: «Es gilt erst mal, ein Bewusstsein des Missstandes zu schaffen. Jetzt nicht gleich zu fragen: Gib doch die Antwort! Ein Dutschke will keine Antwort geben. Denn was soll es bedeuten, als einzelner Antworten zu geben, wenn die gesamtgesellschaftliche Bewusstlosigkeit bestehen bleibt? Die muss durchbrochen werden – dann können Antworten gegeben werden.»