Porträt
Sie setzt sich für Windenergie ein und ist Biobäuerin mit Leib und Seele: Theres Durrer aus Oberegg wird neue Innerrhoder Grossratspräsidentin

Heute wird Theres Durrer mit grösster Wahrscheinlichkeit zur neuen Grossratspräsidentin in Innerrhoden gewählt. Der 59-jährigen Biobäuerin aus Oberegg liegen nicht nur landwirtschaftliche Themen am Herzen.

Claudio Weder
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Theres Durrer lebt in einem Hochmoorgebiet in der Nähe des St. Anton.

Theres Durrer lebt in einem Hochmoorgebiet in der Nähe des St. Anton.

Bild: Claudio Weder

Vom Bensol, hoch über Oberegg, reicht der Blick bis zum Bodensee und zu den Vorarlberger Alpen. Vor dem Haus grasen Kühe. Die Wiesen sind saftig-grün und es duftet nach Sommer. Hier, auf fast 1100 Metern über dem Meer, hat sich die Innerrhoder Grossrätin Theres Durrer mit ihrem Mann Toni ein kleines Paradies erschaffen.

Seit über 30 Jahren sind die beiden auf dem Bensol, so heisst das Hochmoor-Gebiet in der Nähe des St.Anton, zu Hause. Dort haben sie bis vor kurzem einen Biobauernhof betrieben, der nun seit Anfang Jahr ihrer Tochter Luzia gehört. Zum Betrieb gehören 2000 Legehennen, 17 Kühe, ein Gemüsegarten, eine Remise und ein Wohnhaus. Auf Letzteres ist Theres Durrer besonders stolz: Dieses hat sie gemeinsam mit ihrem Mann vor rund acht Jahren von Grund auf neu erbaut – mit eigenem Holz.

Theres Durrer hat alle Hände voll zu tun. Auch wenn der Hof inzwischen ihrer Tochter gehört, arbeiten sie und ihr Mann noch immer auf dem Betrieb mit. «Vergangene Woche war Heuen angesagt, später muss ich noch in den Hühnerstall», erzählt Theres Durrer. Zwischendurch kümmert sie sich um ihre beiden Enkelkinder.

Hinzu kommt die politische Tätigkeit: Durrer gehört seit 2015 dem Grossen Rat an, am Montag wird sie – mit allergrösster Wahrscheinlichkeit – zur neuen Grossratspräsidentin gewählt. Wie sie das alles unter einen Hut bringt? «Wir Bäuerinnen sind eben gut im Multitasking.»

Von Nidwalden ins Oberwallis und von dort nach Oberegg

Eine waschechte Obereggerin ist Theres Durrer allerdings nicht, wie man ihr am Dialekt anhört. Aufgewachsen ist sie als eines von sechs Geschwistern auf einem Bergbauernbetrieb in Beckenried im Kanton Nidwalden.

In der Innerschweiz lernte sie schliesslich auch ihren Mann Toni kennen, mit dem sie nach der Heirat ins Oberwallis «verschwunden» ist, wo sie auf diversen Landwirtschaftsbetrieben arbeiteten. Der Traum vom eigenen Hof führte sie schliesslich im Jahr 1989 nach Oberegg, auf jenen Hof, auf dem sie heute noch leben und arbeiten.

Bereits zwei Jahre nach ihrer Ankunft in Innerrhoden begann sich Theres Durrer für die Öffentlichkeit zu engagieren und wagte später auch erste Schritte in der Politik – auch wenn sie das eigentlich nie geplant habe. Sie war Mitglied im Pfarreirat Oberegg, parallel dazu engagierte sie sich im Bäuerinnenverband, davon acht Jahre lang als Präsidentin. Zudem ist sie seit 2003 Mitglied der politischen Bauernvereinigung Oberegg.

Dass sie ab heute das Innerrhoder Parlament präsidieren darf, sei für sie eine grosse Ehre. «Ich freue mich darauf – habe aber auch Respekt davor.» Wird sie gewählt, dann darf sie gleich nach der Eröffnungsrede ihres Vorgängers Matthias Rhiner – ebenfalls ein Oberegger – ihre erste Session leiten. Aus den vergangenen Jahren weiss sie: «Jede Session hat eine eigene Dynamik. Trotz Drehbuch kann man nie vorhersehen, wie sich die Debatten entwickeln.»

Verfechterin der Windenergie

Ein Ziel hat sie sich keines gesetzt. «In einem Jahr hat man nicht so viele Möglichkeiten, um etwas zu bewirken», sagt Durrer. Sie wolle sich darauf konzentrieren, die Sessionen gut zu leiten und zu organisieren. Dass sie sich aus der politischen Diskussion raushalten muss, stört sie nicht.

Theres Durrer gehört der Bauernfraktion an. Mitglied einer Partei ist sie nicht. Sie interessiere sich «querbeet» für alle Themen und wolle sich frei mit der jeweiligen Sache auseinandersetzen können, ohne dabei eine parteipolitische Meinung im Rücken zu haben.

Politisch vertritt Durrer aber nicht nur die bäuerlichen Anliegen im Grossen Rat. Auch die Umwelt- und Energiethemen liegen der 59-Jährigen am Herzen. So setzte sich Durrer beispielsweise stark für die Windenergie in Innerrhoden ein. Die Energiewende herbeizuführen, ist ihr ein grosses Anliegen. «Wir müssen Lösungen finden, dass wir von der Atomenergie wegkommen», sagt Durrer. In Innerrhoden sei es besonders wichtig, alle natürlichen Ressourcen zu fördern, sowohl die Wind- als auch die Sonnenenergie. Denn: «Wenn die Sonne nicht scheint, dann weht bestimmt der Wind.» Durrer weiss, wovon sie spricht: «Hier oben auf dem Bensol kann es ziemlich ungemütlich werden – gerade im Winter.»

Und auch wie man die natürlichen Ressourcen gekonnt nutzt, weiss die vierfache Mutter aus persönlicher Erfahrung: Den Strom für den gesamten Hof liefern mehrere auf den Betriebsgebäuden montierte Fotovoltaikanlagen. «Diese produzieren sogar drei mal mehr Strom, als wir eigentlich benötigen.»

Einsatz für Menschen mit Beeinträchtigungen

Neben den Umweltthemen sind ihr aber auch soziale Anliegen wichtig. Speziell nahe ist ihr der Behindertenbereich: Seit diesem Jahr ist Durrer im Vorstand von Insieme Ostschweiz, ebenfalls hilft sie beim Verein Plussport Vorderland mit. Das hat auch einen persönlichen Grund: Ihre älteste Tochter, die heute 35 Jahre alt ist, kam mit Trisomie 21 zur Welt.

Die Inklusion von Menschen mit einer Beeinträchtigung ist für Theres Durrer eine Herzensangelegenheit. Vor allem sei es wichtig, diese Menschen auch in die politische Welt zu integrieren: «Denn auch sie dürfen und sollen am politischen Leben teilnehmen.» In Innerrhoden gebe es diesbezüglich noch Nachholbedarf: «Das Thema findet hierzulande noch kaum Beachtung. Es gibt nicht einmal ein Behindertengesetz im Kanton.»

Und nicht zuletzt will sie auch für die Frauen ein Vorbild sein. Nur 12 von 50 Grossratsmitgliedern sind weiblich. Theres Durrer ist erst die sechste Frau, die an der Spitze des Innerrhoder Parlaments steht. Um mehr Frauen für die Politik zu motivieren, brauche es aber keine Quote oder dergleichen, so Durrer. «Es reicht, wenn für die verschiedenen Ämter Frauen gefördert werden, sich zur Verfügung stellen – und natürlich auch gewählt werden.»