POLIZEIHUND: Polizist auf vier Pfoten

Er stellt flüchtige Häftlinge und findet vermisste Frauen: Polizeihund Jaro ist für die Ausserrhoder Kantonspolizei Gold wert. So macht sie sich den Spürsinn der Schnüffelnase zunutze.

Text: Melissa Müller/Bilder: Ralph Ribi
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Proben für den Ernstfall: Jaro stellt einen Scheintäter durch Beissen. (Bild: Ralph Ribi (Ralph Ribi))

Proben für den Ernstfall: Jaro stellt einen Scheintäter durch Beissen. (Bild: Ralph Ribi (Ralph Ribi))

Jaro ist aufgeregt. Seine schwarzen Ohren sind gespitzt, die rosa Zunge hängt aus seinem Maul, und er zittert am ganzen Körper. «Er kann's nicht erwarten, endlich zu arbeiten», erklärt sein Besitzer, Polizist Daniel Schwarz.

Jaro ist einer von vier Hunden der kleinen Staffel der Ausserrhoder Kantonspolizei – und besonders talentiert. Vor einem Jahr hat der vierjährige Rüde die Diensthundeprüfung bestanden. Kurz darauf hatte er seinen ersten Einsatz. Sein Herrchen gab ihm eine Socke, die einer vermissten Frau aus Herisau gehörte. «Such die Person!», befahl Daniel Schwarz. Der Hund schnüffelte an der Socke und nahm sofort Witterung auf. Am Ort, an dem die vermisste 23-Jährige zum letzten Mal gesehen worden war, schickte der Polizist ihn an einer zehn Meter langen Leine los. Der Rüde schoss wie ein Pfeil davon, der fitte Polizist hinter ihm her. Nach zweieinhalb Kilometern führte die unsichtbare Geruchsspur den Hund auf einen Spielplatz. Bei einem Spielgerät blieb Jaro stehen. Dahinter kauerte die vermisste Frau. Sie war unverletzt, aber gesundheitlich angeschlagen. Da hatte Jaro zum ersten Mal sein Gespür unter Beweis gestellt.

Wenn eine Person vermisst wird oder auf der Flucht ist, können Polizeihunde mit ihrer feinen Nase eine Fährte aufnehmen. In nur einem Jahr hat Jaro in vier Fällen zum Erfolg beigetragen. «Das ist ungewöhnlich viel», sagt Daniel Schwarz, ein erfahrener Diensthundeführer, der auch als Prüfungsexperte tätig ist. H'Jaro, den er nur Jaro nennt, ist sein achter Hund. Im Welpenalter kam er zu ihm. Die beiden sind rund um die Uhr zusammen. Zuvor arbeitete der 58-Jährige mit deutschen Schäferhunden, die jedoch unter Gesundheitsproblemen litten. Sogar einen Jack Russell hat er schon zum Polizeihund ausgebildet. Jaro ist ein Malinois, eine belgische Schäferhundrasse, die für ihre geballte Energie bekannt ist. Es sind robuste Tiere, die wegen ihres Arbeitswillens beliebt sind. Als reine Familienhunde sind sie nicht ideal, da sie eine intensive Beschäftigung brauchen. «Ein Berner Sennenhund wäre für unsere Arbeit ungeeignet», sagt Beat Sprenger, Chef Sicherheitspolizei der Kantonspolizei Appenzell Ausserrhoden. «Ein Polizeihund muss eine gewisse Schärfe haben.»

Hund im Helikopter

Heute arbeiten in der Schweiz 578 Hunde für die Polizei. Sie erschnüffeln Täterspuren, Rauschmittel, Leichen und Sprengstoffe. Und sie verfolgen Flüchtige. Sogar frei von Flugangst müssen sie sein, weshalb Daniel Schwarz mit Jaro auch schon einen Helikopterflug unternommen hat. «Das war ihm eher unangenehm.» Jeden Dienstag trainieren die vier Ausserrhoder Polizisten mit ihren Hunden, oft in Abbruchhäusern. Kürzlich trafen sie sich auf dem Werkhof der Gemeinde Herisau und probten den Ernstfall.

Als Daniel Schwarz seinen Kofferraum öffnet, hechtet Jaro mit einem Satz hinaus. Unbändig springt der Rüde an seinem Meister hoch und leckt ihm das Gesicht ab. «Nein, Jaro», sagt dieser ruhig, aber bestimmt, worauf der Hund gehorsam zu seinen Füssen kauert und winselt.

Erste Übung: Das «Trailing», also das Aufspüren eines Menschen, von dem eine Geruchsprobe vorliegt. Ein Kollege gibt Schwarz seinen Autoschlüssel, läuft davon und versteckt sich. Der Polizist steckt den Autoschlüssel in eine Plastiktüte. Er zieht dem Hund eine gelbe Warnweste an und gibt ihm zur Belohnung schon einmal etwas vom Brotaufstrich Le Parfait. Für Jaro ein Signal: Jetzt geht's los. «Es ist wichtig, diesen Ablauf immer gleich einzuhalten», erklärt der Hundeführer. Er nimmt Jaro zwischen die Beine und stülpt ihm die Plastiktüte mit dem Autoschlüssel über die Schnauze. Jaro schnüffelt wie ein Besessener. «Such die Person!» Auf dieses Kommando hin rennt der Hund über die Strasse und folgt dem Geruch, ohne sich durch Geräusche, Menschen oder andere Tiere ablenken zu lassen. Die Kinder, die ihm entgegenkommen, interessieren ihn nicht. Zielstrebig verlässt er den Weg und rast eine Waldböschung hinauf. Bei einem Baum bleibt er stehen. Dahinter verbirgt sich der gesuchte Mann. Zur Belohnung wirft Daniel Schwarz dem Hund ein Spielzeug aus Gummi zu. Das klappt auch im Ernstfall. Anfang Jahr war der Polizeihund bei einer Hausdurchsuchung in Waldstatt dabei. Den Polizisten fiel am nahegelegenen Waldrand ein Mann auf, der sogleich flüchtete. Daniel Schwarz setzte Jaro auf ihn an. Der Malinois folgte der Spur bis zu einem Bauernhof, doch vom Mann war keine Spur. «Wir sollten noch das Heulager absuchen», beschloss Schwarz, einer intuitiven Eingebung folgend. Vor einem Heuhaufen begann Jaro zu bellen, bis aus dem Heu ein Paar Hände hervorlugte. So konnten die Polizisten einen 19Jährigen verhaften, der wegen Raubs ausgeschrieben war. Zudem stellte Schwarz mit Jaro kürzlich im Wald einen Sträfling, der aus einem Gefängnis ausgebrochen war. Solche Erfolge sind nur möglich, weil der Polizist täglich mit seinem Hund übt.

220 Millionen Geruchszellen

Hunde haben einen Geruchsinn, der jenem des Menschen weit überlegen ist. Sie können ein Duftgemisch mit allen Bestandteilen wahrnehmen und im Gehirn abspeichern. Während der Mensch fünf Millionen Geruchszellen hat, kommt ein Schäferhund auf über 220 Millionen. Es genügt, ein Wattestäbchen über die Haut einer Person zu streichen und es Polizeihund Jaro hinzuhalten. Er wird die Person mit grosser Wahrscheinlichkeit aufspüren. Schwarz fährt mit der Hand über den Türgriff seines Autos. «Sogar die Duftspur auf diesem Griff kann er riechen», sagt er. Angenommen, ein Mann steigt nach einem Unfall aus dem Auto und läuft unter Schock davon. «Da kann ich dem Hund die Duftspur auf dem Türgriff zeigen und ihn auf die Suche schicken.»

Das Trottinett von Ylenia

Der Polizeihund fahndet auch nach Gegenständen, denen ein frischer menschlicher Geruch anhaftet. So können versteckte oder verlorene Beweismittel gefunden und sichergestellt werden. Mit Turbo, dem Vorgängerhund von Jaro, arbeitete Polizist Schwarz am Fall Ylenia mit, der das Land 2007 in Atem hielt. Die Polizistenkollegen hatten den Wald schon abgesucht, und Schwarz machte sich keine grossen Hoffnungen mehr. Trotzdem schickte er seinen Hund los. Der wies ihn bellend auf einen Metallgegenstand hin, der aus dem Gebüsch ragte. Es war Ylenias Trottinett.

Erfolgreiche Polizeihunde-Aktionen sind das Resultat von jahrelanger Erfahrung, Disziplin und einem sensiblen Zusammenspiel von Mensch und Tier. «Es geht darum, den Hund zu lesen», sagt Schwarz, der bereits als Kind ein Gespür für Hunde hatte, wie schon sein Vater. Die Polizeihundeführer sind mit Idealismus im Einsatz. Sie werden für einen Nachmittag pro Woche entschädigt, müssen aber auch in der Freizeit mit dem Tier trainieren. Militärischer Drill ist dabei fehl am Platz. Schwarz hat immer eine Tube Le Parfait und Spielzeug für seinen vierbeinigen Freund dabei. Für den Hund soll jeder Einsatz ein Spiel sein, ein Grund zur Freude. Schwarz beendet jedes Training so, dass es für den Hund positiv ist.

Hund attackiert Scheintäter

Im Herisauer Werkhof muss Jaro üben, wie man einen Verbrecher durch Beissen stellt. Ein Polizist spielt den Scheintäter. Er tritt auf den Parkplatz, den Arm durch eine Schiene geschützt. «Fass!», sagt Schwarz. 32 Kilo Hund stürzen sich auf den Mann. Dieser schwingt einen Stock, als wolle er zuschlagen. Der Hund beisst zu. Und lockert den Kiefer erst, als er den entsprechenden Befehl bekommt. Schwarz ist zufrieden. Er weiss: Bei Gefahr kann Jaro ihn beschützen. Wenn er nachts einen Fremden zum Polizeiposten fahren muss, «bin ich froh, dass ich den Hund dabei habe.» Er hofft, dass der Vierbeiner noch lange fit bleibt. Schwarz zeigt auf dem Handy Fotos seiner zweijährigen Tochter, die auf Jaro reitet. Nach Dienstschluss wird der vierbeinige Experte für Drogen und Verbrecherjagd zum Familienhund.

Polizist Daniel Schwarz und sein Freund und Helfer Jaro auf Personensuche im Herisauer Wald: Wird jemand vermisst, nimmt der Hund mit seiner feinen Nase eine Fährte auf. (Bild: Ralph Ribi (Ralph Ribi))

Polizist Daniel Schwarz und sein Freund und Helfer Jaro auf Personensuche im Herisauer Wald: Wird jemand vermisst, nimmt der Hund mit seiner feinen Nase eine Fährte auf. (Bild: Ralph Ribi (Ralph Ribi))

Ein Polizeihund muss eine gewisse Schärfe haben. (Bild: Ralph Ribi (Ralph Ribi))

Ein Polizeihund muss eine gewisse Schärfe haben. (Bild: Ralph Ribi (Ralph Ribi))

Vor dem Training bekommt der Hund etwas vom Brotaufstrich Le Parfait. (Bild: Ralph Ribi (Ralph Ribi))

Vor dem Training bekommt der Hund etwas vom Brotaufstrich Le Parfait. (Bild: Ralph Ribi (Ralph Ribi))

Daniel Schwarz beendet jedes Training mit einem Spiel. «Jeder Einsatz soll für den Hund ein Grund zur Freude sein.» (Bild: Ralph Ribi (Ralph Ribi))

Daniel Schwarz beendet jedes Training mit einem Spiel. «Jeder Einsatz soll für den Hund ein Grund zur Freude sein.» (Bild: Ralph Ribi (Ralph Ribi))