Politiker oder Attrappe?

Stellen Sie sich vor, es sind Regierungsratswahlen, und es stellen sich für einen einzigen Sitz fünf unterschiedliche Kandidaten mit dem genau gleichen Namen. Was bei uns unmöglich ist, gehört im indischen Wahlkampf zur Tagesordnung.

Christa Wüthrich
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Bild: Christa Wüthrich

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Stellen Sie sich vor, es sind Regierungsratswahlen, und es stellen sich für einen einzigen Sitz fünf unterschiedliche Kandidaten mit dem genau gleichen Namen. Was bei uns unmöglich ist, gehört im indischen Wahlkampf zur Tagesordnung. Bis zum kommenden Montag wählen 814 Millionen Inderinnen und Inder ihre parlamentarischen Volksvertreter. Die Wahl, um 543 Parlamentssitze neu zu besetzen, dauert ganze 36 Tage und ist damit die längste und grösste Wahlveranstaltung der Welt. In vielen Bezirken stellen sich mehrere Kandidaten mit dem identischen Namen zur Wahl. Da ist zum Beispiel der indische Politiker Chandulal Sahu, der für seine Wiederwahl gegen sieben andere Chandulal Sahu antritt. Rekrutiert und ins Rennen geschickt werden die Namensvetter von der politischen Konkurrenz. Meistens handelt es sich bei den gleichnamigen Kandidaten um Menschen aus ärmlichen Verhältnissen ohne politische Ambitionen, die für wenig Geld ihren Namen zur Verfügung stellen. Ziel des Einsatzes von sogenannten «Attrappen-Kandidaten» ist es, dem «richtigen» Kandidaten entscheidende Stimmen abzuluchsen. Illegal ist die ungewöhnliche Wahlstrategie nicht. Um Verwechslungen entgegenzuwirken, wird vor jedem Wahllokal eine Liste mit den Fotos der Kandidaten und ihrem Parteiemblem aufgehängt. Alles Weitere liegt in den Händen der Wähler. Politische Selbstbestimmung auf ihre ganz eigene Art.

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