Polemik löst Probleme des Neckertals nicht

Der Abstimmungskampf um den Regionalen Naturpark Neckertal ist in vollem Gang. Will aber das Neckertal seine Situation zum Positiven wenden, bleibt eigentlich gar keine Alternative, als den Schritt zu wagen. Denn Stillsitzen, Nichtstun und Abwarten löst die Probleme der Region nicht. Von Urs M. Hemm

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Vom fortschreitenden Strukturwandel sind viele ländliche Randregionen in der Schweiz betroffen: Abwanderung, Schliessung von Schulen, Einschränkungen im öffentlichen Verkehr und der Abbau von Dienstleistungsangeboten wie Poststellen, Banken oder von Einkaufsmöglichkeiten sind nur einige der Folgen, die auch das Neckertal zu spüren bekommen hat. Verschiedene Bemühungen, dieser Entwicklung entgegenzuwirken, verliefen wegen fehlender finanzieller Mittel immer wieder im Sande, so dass sich die Negativspirale weiterdrehte und somit Arbeiten und Wohnen im Tal immer unattraktiver geworden ist. Dem Neckertal bleibt aber noch ein letzter Trumpf. Denn nur wenige Regionen verfügen über einen so reichen Schatz wie das Neckertal – eine intakte, beinahe unberührte Natur und einzigartige Landschaftswerte – also beste Voraussetzungen, um sich als Tourismusregion unter dem Label Regionaler Naturpark zu etablieren.

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Seit gut fünf Jahren nunmehr versucht eine engagierte Gruppe von Leuten, dieses Projekt vorzubereiten und zu realisieren. Oft stiessen sie auf Zustimmung, ebenso oft aber auch auf Ablehnung. In den Anfängen, als das Projekt noch nicht so weit fortgeschritten und die Rahmenbedingungen nicht klar geregelt waren, war das eine durchaus verständliche Reaktion. Mittlerweile jedoch wird es immer schwieriger, den Gegnern des Naturparks Verständnis entgegenzubringen. Ein Argument, welches sie seit Anbeginn bemühen und dadurch nicht richtiger wird, ist, dass vor allem die Landwirtschaft, aber auch Privatpersonen in einem Naturpark Neckertal mit neuen Gesetzen und Umweltschutz- und Bauvorschriften eingeschränkt würden. Neue Gesetze und Vorschriften für die Landwirtschaft wird es geben, das ist gewiss. Deren Erlass wird aber nicht auf den Naturpark zurückzuführen sein, der notabene als Verein weder verbindliche Gesetze noch Vorschriften erlassen kann und darf. Diese werden durch nötige Anpassungen und Ergänzungen im Rahmen der Agrarpolitik 14–17 auf die Bauern zukommen, unabhängig davon, ob es einen Naturpark Neckertal geben wird oder nicht. Will man sich jedoch unter dem Label Naturpark einbringen, sind gewisse Rahmenbedingungen zu befolgen, wie es bei anderen Labels, wie beispielsweise Bio, auch der Fall ist. Dies geschieht jedoch nur auf freiwilliger Basis. Niemand wird gezwungen, mitzumachen, niemand wird Nachteile erdulden müssen, wenn er sich dagegen entscheidet.

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Auch die Bautätigkeit wird mit der Errichtung des Naturparks nicht beeinträchtigt. Bei Neu- oder Umbauten innerhalb des Park-Perimeters gelten nach wie vor dieselben Bauvorschriften, wie sie Bund, Kantone und Gemeinden bereits jetzt anwenden. In diesem Zusammenhang kann auch die Drohung der Gegnerschaft nicht standhalten, dass die Behörden für Naturpärke geltende Regeln jederzeit ändern können. Bund und Kantone können das tatsächlich. Doch wird es den Betrieb des Naturparks Neckertal in den kommenden zehn Jahren nicht beeinflussen. Denn das Bekenntnis zum Naturpark unterliegt einem Vertrag. Dieser wird zwischen den Politischen Gemeinden, die am Regionalen Naturpark Neckertal beteiligt sind, und dem Verein Naturpark Neckertal abgeschlossen und untersteht den Regeln des Schweizerischen Obligationenrechts. Das bedeutet, dass wesentliche Änderungen des Vertragsinhalts nur durch die Zustimmung beider Parteien möglich sind. Ist eine Seite nicht einverstanden, besteht ein Rücktrittsrecht. Zudem ist die Vertragsdauer auf zehn Jahre beschränkt. Nach Ablauf dieser Periode muss die Bevölkerung der beteiligen Park-Gemeinden wiederum in einer Abstimmung dem Vertrag zustimmen.

Ein bei jeder Gelegenheit gerne in Anspruch genommenes Argument gegen Veränderungen jeglicher Art ist jenes der Verschwendung von Steuergeldern. Die Tatsache, dass Bundesrat und Parlament die finanzielle Unterstützung der Naturpärke erst im November von 10 auf 20 Millionen Franken verdoppelte, sehen die Gegner als Beleg dafür, dass sich ein Naturpark niemals rechnet und nur eine sinnlose Verschwendung von Steuergeldern ist. Was sie dabei aber gerne ausblenden, ist, dass die damals beschlossenen zehn Millionen Franken auf der Grundlage von zehn Naturpärken gesprochen wurden. Mittlerweile gibt es in der Schweiz jedoch 16 zertifizierte Regionale Naturpärke und weitere vier – inklusive dem Neckertal – bewerben sich zurzeit für das Label, so dass eine Aufstockung der Unterstützung sicherlich gerechtfertigt ist.

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Zudem: Kein Befürworter spricht davon, dass mit einem Naturpark alle Probleme von heute auf morgen gelöst sind. Wenn jedoch wie erwartet die Gelder in der Höhe von jährlich rund 750 000 Franken in den Naturpark fliessen und richtig angelegt werden, können Projekte realisiert werden, die Besucher und damit auch Konsum ins Tal bringen. Dadurch können Bund und Kantone allenfalls Gelder einsparen, die ansonsten auf anderen Wegen ins Tal geflossen wären. Nur fliessen bei einem Naturpark die Gelder nicht einfach von alleine, die Bevölkerung muss etwas dafür tun, sie muss sich mit guten Ideen einbringen. Und was würde wohl mit den 750 000 Franken geschehen, wenn sie das Neckertal nicht nehmen will? Wer glaubt, dass sie der Bund in ein Sparschwein für schlechte Zeiten steckt, der irrt. Das Geld wird in andere Regionen fliessen, und diese werden dafür dankbar sein. Ausserdem darf in der Situation, in der sich das Neckertal befindet, durchaus auch einmal egoistisch gedacht und gehandelt werden. Dass in Agglomerationsprojekte wie beispielsweise in die Achse Gossau–Wil–Winterthur Beträge in zweistelliger Millionenhöhe gesteckt werden, hinterfragt niemand. Bei einem vergleichsweise kleinen Betrag von 750 000 Franken wird aber von Verschwendung geredet, wie auch bei den 80 000 Franken, welche die vier Park-Gemeinden gemeinsam beisteuern müssen.

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Die Meinung der Naturpark-Gegner, sie könnten mit diesem Betrag ohne jegliche Unterstützung selbst derartiges auf die Beine stellen, wie es die Mitarbeiter der Geschäftsstelle des Vereins Naturpark Neckertal bisher umgesetzt haben und künftig noch planen, ist realitätsfern. Denn durch den Status als Kandidat für das Label Regionaler Naturpark hat die Geschäftsstelle kostenlosen Zugang zu nationalen und internationalen Netzwerken und Internetplattformen, auf denen bereits jetzt schon für die Region geworben werden kann. Ohne diesen speziellen Status wäre ein Zugang alleine schon auf die Internetseite von Schweiz Tourismus kaum mit nur 80 000 Franken finanzierbar. Es wären also zusätzliche Gelder von Dritten erforderlich – man will ja nicht unnötig Steuergelder verschwenden. Gelder von Organisationen wie beispielsweise der Schweizer Berghilfe fliessen aber nur, wenn eine klare Organisationsstruktur und ein handfestes Konzept auf dem Tisch liegt. Von Organisation, ganz zu schweigen von Konzepten, reellen Projekten oder auch nur von einem Lösungsansatz war von der Gegnerseite bisher nichts zu vernehmen. Dass aber nur eine Struktur, ein realistisches Konzept und eindeutig definierte Projekte Vertrauen schaffen, haben die Naturpark-Verantwortlichen mit der gut angelaufenen Vermarktung regionaler Produkte bewiesen. Zahlreiche Produzenten aus der Region haben die Chance wahrgenommen, ihre Erzeugnisse über einen gemeinsamen Kanal zu vermarkten und zu bewerben. Schon heute werden ihre Produkte auf Märkten und in Supermärkten zum Kauf angeboten, ohne dass die Produzenten selbst am Stand oder im Laden stehen müssen. Seit kurzem ist zudem der Kauf der bisher gut hundert angebotenen Produkte über den eigenen Internet-Shop möglich.

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Doch auch Anbieter von Unterkünften und das Gastgewerbe können bereits von Angeboten des Naturparks profitieren. Schon jetzt besuchen Schulklassen Tageskurse im Bereich Umweltbildung oder verbringen gleich ganze Projektwochen im Naturpark – Firmen oder Vereine leisten im Rahmen von Teambildung-Events Umwelteinsätze. Alle diese Besucher müssen irgendwo schlafen, essen und einkaufen. Und wer weiss, vielleicht gefällt es einem dieser Besucher im Neckertal so gut, dass er sich mit seiner Familie für einen Umzug entscheidet, und wenn nicht gerade das, so wenigstens, dass er mit ihnen für ein paar Tage Ferien auf dem Bauernhof zurückkehrt. Mit einem Ja für den Naturpark Neckertal wird nicht gleich alles besser. Jedoch mit Polemik, Angstmacherei und der Verbreitung von Halbwahrheiten wird sich erst recht nichts zum Besseren wenden. Der Naturpark ist eine Chance, die es nicht zu verpassen gilt, denn eine zweite wird nach einem Nein nicht so schnell wiederkommen.

urs.hemm@toggenburgmedien.ch