Pickel, oder: Bibelische Gedanken

Welch unerfreuliches Erwachen: Der erste Blick in den Spiegel, noch schlaftrunken blinzelnd, offenbart einen dicken, bereits eitrigen, rotumsäumten Pickel.

Susanna Schoch
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Bild: Susanna Schoch

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Welch unerfreuliches Erwachen: Der erste Blick in den Spiegel, noch schlaftrunken blinzelnd, offenbart einen dicken, bereits eitrigen, rotumsäumten Pickel. Er ist das Übel aller Teenager, Gefährdung mühselig erworbener Coolness, Verwüster heisser Partynächte und Zerstörer romantischer Verabredungen, dem selbst angepriesene Wundermittel nicht gänzlich den Garaus machen können. («Reine Haut, rein ins Leben» – von wegen.) Mit Überschreitung des spätestens 21. Lebensjahrs glaubt man den dermatologischen Terror überstanden, nur um alsbald festzustellen, dass zumindest er keine Altersgrenze kennt. So widerlich und grauenvoll Pickel sind, strahlen sie doch etwas Faszinierendes aus. Nicht umsonst nennen sie manche liebevoll «Bibeli» und pflegen Geplagte – es soll ja angeblich auch Menschen mit makelloser Haut geben – eine innige Beziehung zu ihren Missetätern. Ich persönlich vermag heute, nachdem ich wenigstens die Phase der Akne hinter mir lassen konnte, jede neue Wucherung andächtig zu bestaunen. In einer wunderlichen Mischung aus Ekel und Erregung stehe ich dann vor dem Badezimmerschrank, gewappnet mit Kosmetiktüchlein und Seife, und mache mich ans Werk: Hände waschen, Tüchlein um die Finger wickeln, Zielobjekt anvisieren, Finger ansetzen, Haut auseinanderziehen, Eiter spriessen lassen und abwischen, Ausbeute stolz beäugen und rituell entsorgen, Hände waschen. Das Vorgehen ist eine individuelle Ausgestaltung dessen, was mir eine Kosmetikerin einst beigebracht hat. Besonders eingebläut hat sich mir damals das mit dem Tüchlein und dem Auseinanderziehen. Während das Tüchlein dafür sorgt, dass man das Zeug nicht verschleppt, dient das Auseinanderziehen (im Gegensatz zum Zusammenpressen) dazu, den Eiter in der umliegenden Umgebung des Pickels nicht noch tiefer in die Haut zu drücken. Denn trotz aller Faszination: Eine Ausbreitung will ich nicht fördern.