Philosophie als Heilmittel: Christian Schweiger betreibt in Heiden eine Praxis für Klinische Philosophie

Arzt und Philosoph Christian Schweiger begleitet in seiner Praxis in Heiden Menschen mit körperlichen oder psychischen Problemen – wobei auch Kant, Fichte oder Hegel ein Wörtchen mitreden dürfen.

Claudio Weder
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Christian Schweiger im Gasthaus Dorf 5 in Rehetobel, wo er regelmässig philosophische Gesprächsrunden organisiert.

Christian Schweiger im Gasthaus Dorf 5 in Rehetobel, wo er regelmässig philosophische Gesprächsrunden organisiert.

Bild: Ralph Ribi

Philosophie und Medizin verbinden? Das war etwas, das für den freiberuflichen Arzt und Philosophen Christian Schweiger lange unmöglich schien. Zumindest zu jener Zeit, als er noch als Anästhesist und Notarzt tätig war. «Es ist schwierig, die Erkenntnisse des philosophischen Kanons ernsthaft in die medizinische Tätigkeit einfliessen zu lassen», sagt der 56-Jährige. Dazu fehle meist die Zeit. Noch dazu wolle die «naturwissenschaftliche Clique» nur bis zu einem gewissen Grad hören, was die geisteswissenschaftliche weiss – und umgekehrt.

Seit Frühjahr 2019 kann Schweiger beide Interessen miteinander verbinden: In seiner Praxis für Klinische Philosophie in Heiden begleitet er Menschen mit körperlichen oder psychischen Problemen – wobei auch Kant, Fichte oder Hegel ein Wörtchen mitreden dürfen.

In seinen philosophischen Sprechstunden will Schweiger in erster Linie ein offenes Ohr bieten für jene Fragen, die sich die Patienten beim Arzt nicht zu stellen trauen. Selten dreht sich also das Gespräch um rein Medizinisches. «Vielfach angesprochen werden Unsicherheiten oder Ängste – zum Beispiel im Zusammenhang mit dem Ausfüllen von Patientenverfügungen oder bei bevorstehenden Operationen», erzählt der gebürtige Regensburger, der in Oberegg wohnt. Ebenso häufig würden Menschen zu ihm kommen, weil sie Probleme in der Familie, der Beziehung oder bei der Arbeit haben.

Sprechstunden sind keine Lehrveranstaltungen

Doch wie läuft eine solche Sprechstunde ab? «Es beginnt mit einem ganz normalen Gespräch, bei welchem wir gemeinsam das Problem analysieren», sagt Schweiger. Im Anschluss daran versuche er, seinen Klienten sowohl einen geisteswissenschaftlichen als auch naturwissenschaftlichen Horizont aufzuzeigen. «Dieses breite Feld soll ihnen als Orientierungshilfe dienen und mögliche Lösungen für ihr Problem aufzeigen.» Schweigers Erfahrung zeigt:

«Werden seine Klienten mit Lebensentwürfen konfrontiert, die ihnen eine völlig neue Sichtweise auf den Menschen vermitteln, geht bei vielen ein Türchen auf.»

Schweiger betont jedoch, dass seine philosophischen Sprechstunden keine Lehrveranstaltungen seien. «Es geht nicht darum, Wissen abzufragen.» Ebenso wenig wolle er eine «theoretische Akademisierung betreiben». Vielmehr sollen die Sprechstunden niederschwellig sein und auf Augenhöhe ablaufen.

Mit seinem Angebot der Klinischen Philosophie will Schweiger auch etwaigen Stigmatisierungsängsten entgegentreten. «Die Klinische Philosophie will die Menschen in ihren je eigenen Lebensentwürfen und Potenzialen zuerst widerspiegeln, um dann etwaige Neuausrichtungen und Per­spektiven aufzuzeigen», sagt Schweiger. Sein oberstes Ziel sei es, seinen Klienten den Reichtum der eigenen Existenz aufzuzeigen. «Oft beobachte ich, dass ein Mangelgedanke dominiert, also die Auffassung, es fehle irgendetwas», so Schweiger. Dem wolle er mit der Haltung entgegentreten, dass jeder Mensch schon durch seine Geburt mit dem Maximum an Reichtum beschenkt worden sei und dass es nur eine einzige Alternative zum Leben gebe: nicht geboren worden zu sein.

«Sobald sich meine Klienten bewusst werden, dass sie jederzeit – auch bei körperlichen oder psychischen Problemen – aus einem riesigen Reichtum schöpfen können, dann gehen sie anders um mit ihrem Leben, ja, finden wieder zu ihrem Kernpunkt, ihrer eigenen Einmaligkeit zurück.» Das möge nun esoterisch klingen, sagt Schweiger und lacht. Es habe aber nichts mit Esoterik zu tun.

Neue Bilderwelten tun sich auf

Philosophie wird laut Schweiger oft mit einer Anstrengung verbunden, die sich nicht lohnt, oder der Überzeugung, das sei zu schwierig. Für Schweiger ist das unverständlich. Weshalb er auch mit dem Vorurteil aufräumen möchte, Philosophie sei etwas rein Elitäres.

«Philosophieren heisst nicht, bloss schwierige Texte über Logik und dergleichen zu lesen. Wer philosophiert, will letztlich den Dingen auf die Spur kommen.»

Aus Erfahrung weiss er: «Durch das Lesen oder Hören eines simplen philosophischen Satzes können sich neue Bilder- oder Gedankenwelten auftun.»

Diese Erfahrung macht Schweiger nicht nur in seinen Sprechstunden, sondern auch in den philosophischen Cafés, die er seit November regelmässig im Gasthaus Dorf 5 in Rehetobel organisiert. «Café Philo» heisst dieses Format, dessen Wurzeln in die Antike zurückreichen. «Es handelt sich dabei um eine offene Gesprächsrunde, die jeden ersten Donnerstag im Monat stattfindet und an der alle teilnehmen können, vom Handwerker bis zum Akademiker, von Jung bis Alt», sagt Schweiger. Genauso vielfältig wie die Teilnehmer seien dabei auch die Themen, die jeweils zu Beginn der Runde von den Anwesenden selbst bestimmt werden.

Das Café Philo soll keine Lehrveranstaltung sein, vielmehr will Schweiger damit eine Diskussionsplattform bieten und jenem Gesellschaftstrend entgegenwirken, den er bedauerlicherweise immer öfter beobachtet: dass die Leute nicht mehr miteinander reden.

Hinweis: Das Café Philo findet jeden ersten Donnerstag im Monat um 20 Uhr im Gasthaus Dorf 5 in Rehetobel statt.