Pfingsten, das Fest der Begeisterung

Nach 20 Jahren Ehe haben sie sich nicht mehr verstanden. Wann es anfing, wissen sie nicht mehr genau. Alles, was gesagt wurde, wurde missverstanden.

Jeremias Treu
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Jeremias Treu Pfarrer, evangelische Kirche Kirchberg-Bazenheid (Bild: pd)

Jeremias Treu Pfarrer, evangelische Kirche Kirchberg-Bazenheid (Bild: pd)

Nach 20 Jahren Ehe haben sie sich nicht mehr verstanden. Wann es anfing, wissen sie nicht mehr genau.

Alles, was gesagt wurde, wurde missverstanden.

Es war, als würden sie unterschiedliche Sprachen sprechen. Immer öfter und immer zahlreicher wurde es laut zwischen ihnen. Richtig laut. Dabei haben sie sich doch einmal so geliebt. Aber das ist lange her.

So kann es nicht weitergehen. Es ist unerträglich geworden. Jetzt sitzen sie bei einem Eheberater. Es ist jetzt schon die fünfte Sitzung. Heute müssen beide weinen. So viele Verletzungen in den Jahren haben Wunden hinterlassen. Es bricht aus ihnen heraus, die Sehnsucht und die Enttäuschung.

Der Eheberater hilft, dass keine giftigen Vorwürfe eine Verständigung unmöglich machen, sondern jeder von sich erzählen kann, von seinen Bedürfnissen und dem, was er sich von seinem Partner wünscht. Und dann, auf einmal schauten sie sich ganz vorsichtig an, sahen hinter den verweinten Augen des anderen plötzlich wieder den Menschen, den sie einmal geliebt haben.

Ganz langsam wuchs in ihnen ein neues Verständnis füreinander, eine gemeinsame Sprache. So richtig können sie es sich nicht erklären. Aber dort, in diesem Raum ist etwas passiert. Plötzlich wurde ihnen vieles so klar über sich und ihre Beziehung. Und dann standen sie auf und nahmen sich in die Arme und in das tiefe Schluchzen mischte sich Freude.

Als am Sonntag im Gottesdienst der Pfarrer vom Pfingstwunder erzählte, mussten sie immer an sich in dem Raum beim Eheberater denken.

«Und als der Pfingsttag gekommen war, waren sie alle an einem Ort beieinander. Und es geschah plötzlich ein Brausen vom Himmel wie von einem gewaltigen Wind und erfüllte das ganze Haus, in dem sie sassen.

Und sie wurden alle erfüllt von dem Heiligen und konnten einander verstehen, jeder die Sprache des anderen.»