Petition
«Heissen wir den Waschbären willkommen»: IG reagiert mit Kopfschütteln auf Antwort des Bundesamts für Umwelt

Nachdem in Wasserauen ein Waschbär erschossen worden war, hat die IG «Wild beim Wild» eine Petition an Bundesrätin Simonetta Sommaruga gerichtet. Die Antwort fällt für die Initianten ernüchternd aus. Jetzt kontern sie mit dem Aufruf: «Heissen wir Waschbären willkommen, so wie auch wir willkommen geheissen sein möchten.»

Margrith Widmer
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Für das Bundesamt für Umwelt kann der Waschbär gefährliche Krankheiten übertragen.

Für das Bundesamt für Umwelt kann der Waschbär gefährliche Krankheiten übertragen.

Bild: PD

Der Waschbär von Wasserauen drang Ende Januar durch eine offene Katzentür in ein Haus ein, sei im Treppenhaus über altes Brot hergefallen, habe Weinflaschen aus dem Regal gestossen und eine riesige Sauerei angerichtet, erzählte der Geschädigte im SRF «Regionaljournal Ostschweiz». Das Tier wurde schliesslich durch einen Jagdaufseher eingefangen und erlegt.

Der Innerrhoder Jagdverwalter Ueli Nef schilderte den Waschbären als Allesfresser und Nestplünderer. Fast nichts sei vor ihnen sicher. Ausserdem könnten sie an Gebäuden und in Dachstöcken für Verschmutzungen sorgen.

Daraufhin lancierte die IG «Wild beim Wild» die Petition «Schluss mit dem Abschuss von Waschbären in der Schweiz». Der Versuch, Waschbären durch Bejagung zurückzudrängen, gelte inzwischen als aussichtslos und gescheitert, begründete sie.

Verhütungsmittel für Waschbären

Um eine Überpopulation der Waschbären zu verhindern und die heimische Artenvielfalt zu schützen, solle «die Möglichkeit nach einem oralen Verhütungsmittel für Waschbärenweibchen geprüft werden», forderte sie.

Dass gebietsfremden Tieren in der Schweiz kein Schutz gewährt werde, sei gelebter Speziesismus. Der Mensch zeige mit seiner Haltung gebietsfremden Tieren gegenüber einmal mehr, dass er überzeugt sei, dass er als aufgrund seiner Art allen anderen Spezies überlegen sei und diese deshalb behandeln könne, wie er wolle.

«Diese Haltung ist mehr als verwerflich und darf nicht mehr länger akzeptiert werden. Auch Waschbären haben ein Recht zu leben, auch wenn sie in der Schweiz nicht heimisch sind.»

Schädlicher Nesträuber

Die Antwort der Direktorin des Bundesamts für Umwelt (Bafu), Katrin Schneeberger, war für die IG desillusionierend: Einige Neobioten bedrohten die einheimische Fauna und Flora, schreibt sie. «Über die Auswirkungen der Präsenz der Waschbären gehen die Meinungen zwar auseinander. Sicher ist aber, dass sie effiziente Nesträuber sind und gefährliche Krankheiten übertragen können.» Zudem halten sie sich gern in bewohnten Gebieten auf und dringen auf Nahrungssuche in Gebäude ein. Dabei richten sie grosse Unordnung und Verschmutzung an. Und weiter:

«Es liegt in unserer Verantwortung, die Artenvielfalt zu erhalten.»

Deshalb habe der Gesetzgeber es den Kantonen ermöglicht, «rechtzeitig Massnahmen gegen das Überhandnehmen bestimmter Arten ergreifen zu können». Im Fall des Waschbären verhinderten Abschüsse eine unkontrollierte Ausbreitung und die mit ihm einhergehenden Konflikte. Der Einsatz chemischer Mittel sei hingegen weder praktikabel noch bedenkenlos und «kommt daher bei wild lebenden Säugetieren nicht in Frage».

Kopfschütteln bei der IG

Bei der IG «Wild beim Wild» löste die Antwort der Bafu-Direktorin Kopfschütteln aus, wie Geschäftsführer Carl Sonnthal in seiner Antwort an Katrin Schneeberger schreibt. «In unsere Häuser können Waschbären nicht eindringen. Wenn Menschen nicht Türen, Fenster, usw. sichern, dringen auch andere Tierarten ein.»

Waschbären würden zwar Vögel fressen; sie machten allerdings nur 3,2 Prozent der Gesamtnahrung aus. «Amphibien machen 5,7 Prozent aus, Reptilien nur 0,22 Prozent – was zeigt, dass die Behauptung, Waschbären bedrohten geschützte Amphibien und Reptilien, nur teilweise richtig ist.» Mit ihren sehr sensiblen Vorderpfoten nähmen sie bei der Nahrungssuche eine ökologische Nische ein, die zuvor nicht besetzt gewesen sei, so Sonnthal. «Sie stellen somit keine Nahrungskonkurrenz zu andern, heimischen Arten dar, heisst es zum Beispiel in einer Infobroschüre des Berliner Senats.»

Gewaltverherrlichung

Eine Tierart habe noch nie eine andere Tierart ausgerottet, heisst es weiter in der Antwort der IG «Wild beim Wild». Bei der Erhaltung der Artenvielfalt mache das Bafu aber einen «denkbar schlechten Job». Denn: Laut dem schockierenden UNO-Bericht zum Artensterben von 2019 sei «in keinem Land der Welt der Anteil bedrohter Arten höher als in der Schweiz».

Empfängnisverhütung werde heute in jedem Zoo praktiziert und auch in freier Wildbahn bei Wildschweinen, Tauben, Hirschen, Rehen, Elefanten und so weiter. Dabei würden nicht zwingend chemische Mittel zum Einsatz kommen. «Was einer durch Sie vorgelebten Gewaltverherrlichung gleichkommt, akzeptieren wir jedoch nicht», so die IG. Der Waschbär spiele aufgrund seiner wenigen Infektionskrankheiten eine untergeordnete Rolle bei Krankheitsübertragungen.

«Und dennoch wollen Sie diese hochintelligenten Wildtiere weiterhin abschiessen lassen. Dieses Gedankengut ist reiner Speziesismus.»

Wie gefährlich ist der Waschbär?

Im Müritz-Nationalpark, dem grössten Nationalpark Deutschlands, in Mecklenburg-Vorpommern, haben Berit und Frank-Uwe Michler während sechs Jahren Waschbären in einer umfangreichen Freilandstudie erforscht. Ihr Fazit: Der Waschbär ist für heimische und vor allem für geschützte Tierarten nicht gefährlich. Und: Die Jagd auf den Waschbären sorgt nur für höhere Bestände, weil viel mehr Jungtiere geboren werden. Zudem wurden bei Waschbären, ausser Staupe, keine ansteckenden Krankheiten gefunden. (mwi)

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