Perle mit Schönheitsfehlern

Ursula Ammann, freie Mitarbeiterin des Toggenburger Tagblatts, reist mit zwei Kolleginnen im Zug nach Peking. Sie berichtet über ihre Eindrücke und Erlebnisse auf der längsten durchgehenden Eisenbahnverbindung der Welt – der Transsibirischen Eisenbahn.

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Ursula Ammann, freie Mitarbeiterin des Toggenburger Tagblatts, reist mit zwei Kolleginnen im Zug nach Peking. Sie berichtet über ihre Eindrücke und Erlebnisse auf der längsten durchgehenden Eisenbahnverbindung der Welt – der Transsibirischen Eisenbahn.

Diesmal liegen 55 Stunden Zugfahrt vor uns. Von Jekaterinburg bis ins sibirische Irkutsk. Im Zug werden wir schon bald zur Attraktion eines russischen Nachwuchs-Schwimmerteams, das wie wir im Waggon mit den offenen Liegeplätzen (3. Klasse) reist. Als die Teenager unser Schweizerdeutsch hören, beginnen sie zu kichern, zu tuscheln und treten dann ganz zögerlich in Kontakt mit uns. Während wir etwas mit dem Schwimmerteam plaudern, rauschen draussen endlose Sumpflandschaften und weissleuchtende Birkenwälder vorbei. Nach zwei Tagen und drei Nächten im Zug kommen wir in Irkutsk an.

1637 Meter tief

In Irkutsk fallen uns die reich verzierten Holzhäuser auf, die nach einer speziellen sibirischen Architektur gebaut sind. Irkutsk ist aber vor allem durch seine Nähe zum Baikalsee bekannt. Der Baikalsee entspricht in seiner Fläche der Grösse Belgiens, ist an der tiefsten Stelle 1637 Meter tief und birgt 20 Prozent der weltweiten Süsswasserreserven. Über die Hälfte der Tierarten, die im Baikalsee leben, kommen nur hier vor. An Land stossen wir auf Altbekanntes: Kühe und Hunde. Diese streunen auf den kargen Wiesen, in den Wäldern und in den verlassenen Dörfern umher.

Zugemüllt

Wir verbringen drei Tage auf der Baikalsee- Insel Olkhon. Diese ist Teil eines Nationalparks. Bei einem Streifzug durch einen schönen Föhrenwald machen wir aber eine sehr ernüchternde Entdeckung. Vor uns erstreckt sich über einen halben Kilometer eine riesige Müllhalde. Hinter uns trotten ein paar Kühe her. Die Glasscherben knirschen unter ihren Klauen. Zurück in Irkutsk erzählen wir dem Hostelbetreiber von unserem Fund. Es gebe in ganz Russland kein richtiges Entsorgungssystem, bedauert er. Dann weist er uns darauf hin, dass es noch andere Probleme gebe, die zwar nicht so sichtbar seien wie die Abfallberge im Wald, aber genau so schlimm seien. So etwa der Atommüll – unter anderem aus Europa –, der in Sibirien deponiert werde.

Daswidanja Rassija

Die Mongolei wartet. Schon bald werden wir Russland verlassen. Die Leute hier sind uns stets sehr aufgeschlossen und hilfsbereit begegnet – auch trotz grosser Sprachbarrieren. Vielleicht ist die Offenheit gegenüber Reisenden auch deshalb so gross, weil die meisten Menschen hier keine Möglichkeit haben, die Welt zu bereisen. Das Bild vom schwerreichen, kaviarschlürfenden Russen, das wir unter anderem mit auf die Reise nahmen, bestätigte sich nur in ganz wenigen Fällen.

Ursula Ammann

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