Patenschaft für Ausbildungsplatz

Seit zwanzig Jahren organisiert die Wattwilerin Rosa Frei Patenschaften für Jugendliche in Ecuador. Die Göttis ermöglichen ihnen eine Ausbildung. Ihr Sohn Severin Frei hat einen Dokumentarfilm über das Hilfsprojekt gedreht.

Hansruedi Kugler
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WATTWIL. Zum ersten Mal kam Rosa Frei 1993 nach Ecuador. Zuvor hatte sie sich 33 Jahre ausschliesslich um ihre Familie in Wattwil gekümmert. Kein Wunder, hat sie doch elf Kinder geboren und aufgezogen. Der jüngste Sohn Severin war gerade zwölf Jahre alt, als die Einladung von Freunden zu einem Besuch in Ecuador kam. Die älteren Kinder versprachen, sich während ihrer Abwesenheit um den jüngsten Bruder zu kümmern. So fuhr Rosa Frei los. Eine Reise, die ihr Leben verändern sollte. Denn dort kam sie mit Schweizern in Kontakt, die dabei waren, ein Hilfswerk zu gründen. Zwei Erdbeben hatten aber vieles zerstört. Gemeinsam bauten sie einen Kindergarten auf. Sie suchten Unterstützung und vor allem jemanden, der Patenschaften für Jugendliche organisiert, damit diese eine Ausbildung machen können. Rosa Frei stieg ein, besuchte in der Folge die ärmsten Bergregionen und unterstützte fortan zunächst mit eigenem Geld diese Projekte und später auch eigene Projekte. Ihr Mann, der Architekt Rémy Frei, unterstützte sie dabei. Später dann auch mit eigenen Atelierkursen und mit Spenden von Freunden. Seit einigen Jahren mit ihrem Verein La Rosa. In den letzten zwanzig Jahren sind so insgesamt rund zwei Millionen Franken nach Ecuador geflossen: «Jeder gespendete Franken wird für die Projekte eingesetzt», sagt Rosa Frei. Ihre eigene Tätigkeit ist vollumfänglich ehrenamtlich, ihre Reisen zahlt sie selbst. Mit den Patenschaften unterstützt der Verein derzeit rund hundert Jugendliche.

Hauptproblem Landflucht

«Die Armut in meinem Land ist gestört», sagt der ecuadorianische Busbegleiter im Dokumentarfilm von Severin Frei. «Manche arbeiten den ganzen Tag für zehn Dollar.» Dabei hätte das Land ein riesiges Potenzial, ein Land voller Reichtümer. «Wir sind Weltmeister in schönen Landschaften.» Vom Meer bis auf 5000 Meter bietet Ecuador eine enorme Vielfalt an Vegetation: Strand, Dschungel, Berge. Touristische Infrastruktur gibt es aber praktisch keine.

Und im Tourismus sieht auch der Verein La Rosa eine Chance für die Landbevölkerung in Ecuador. «Es gibt auf dem Land schlicht keine Arbeit», sagt Severin Frei. «Wer Arbeit bekommen will, geht in die Städte.» Der 32jährige Wattwiler Filmemacher kennt das Hilfsprojekt seiner Mutter Rosa Frei seit Beginn. Und das Land Ecuador kennt er ebenfalls sehr gut. Denn als Jugendlicher besuchte er die zweite Sekundarklasse in der deutschen Schule in Quito. Seit 1993 unterstützt Rosa Frei nun mit Patenschaften die ärmste Landbevölkerung des südamerikanischen Andenstaates. Dabei hat sie Erschütterndes erlebt: Familien in reinem Elend, die in ärmlichen Hütten ohne Möbel alle zusammen auf einer Holzpritsche leben und schlafen, «manchmal sieht das aus wie in einem dreckigen Stall», erzählt sie. «Ein Leben unverschuldet ohne Perspektive.»

Ausbildung ermöglichen

Zu viel davon erzählen will sie aber gar nicht. Wichtiger ist ihr die optimistische Sicht: Als Götti kann man helfen, indem man den Jugendlichen eine Ausbildung ermöglicht, für 75 Franken pro Monat. In Ausbildungsstätten an unterdessen sechs Standorten können sie Koch, Schneiderin, Weberinnen, Mechaniker, Schreiner oder Bäcker lernen. «Viele Eltern nehmen ihre Kinder nach wenigen Jahren aus der Schule, damit sie ihnen bei der Arbeit helfen», erzählt Rosa Frei. Die weitere Schulbildung oder eine Berufsausbildung bleibt dabei auf der Strecke, das Leben der Kinder bleibt perspektivlos. Der Staat reagiert, aber erst langsam, bietet aber nach wie vor keine Lehrwerkstätten an. «In den Städten und im Strassenbau wird viel investiert, die Bevölkerung in den abgelegenen Bergdörfern hat davon bisher fast nichts», sagt Severin Frei. Aus diesem Teufelskreis herauszukommen, ist für die arme Landbevölkerung fast nicht möglich. Was in der Schweiz selbstverständlich ist: nämlich dass es in jedem Dorf Läden, Schulen und Handwerksbetriebe gibt, das fehle in Ecuador. In vielen Dörfern gebe es nichts dergleichen, Berufschancen hätten die Jungen auf dem Land keine. Also finanzierte Rosa Frei auch den Bau von sechs Bäckereien mit Restaurant, Schulen, eine Käserei, eine Hauswirtschaftsschule, die Schneiderinnenschule, eine Schreinerei und eine bescheidene touristische Infrastruktur. «Dabei ist mir die Förderung der Frauen ein besonders Anliegen.»

Tourismus und Joghurt

Dabei stützt sie sich auf lokale Gründer und Leiter von Projekten, etwa den deutschen Entwicklungshelfer Max Gallmeier oder den Arzt Klaus Brunner, der nach seiner Pensionierung in Ecuador ein zweites Leben begonnen hat und ein Landspital führt. Oder Cornelia Kammermann, die im abgelegenen, aber landschaftlich idyllischen Bergdorf Simiatug viele lokale Infrastrukturprojekte lanciert. Eine Schule für rund 180 behinderte Kinder und Jugendliche (die einzige dieser Art im ganzen Land) kam auch dazu, für die La Rosa unter anderem viele Gehhilfen und Prothesen gespendet hat. Für diese behinderten Kinder gibt es eine Patenschaft für 50 Franken pro Monat. Rosa Frei fährt jedes Jahr mit Unterstützern und Vereinsmitgliedern, aber auch Lehrern und Studenten, mehrere Wochen nach Ecuador. Sie besucht selbst jede Familie, die für eine Unterstützung oder eine Patenschaft in Frage kommt. Manche wurden ihr von lokalen Sozialarbeitern empfohlen, manche von Projektleitern. Meist per Email, weshalb sie denn auch zu Hause in Wattwil jeden Tag am Computer sitzt.

Keine politische Einmischung

Mit der ecuadorianischen Regierung hat Rosa Frei keinen Kontakt. «Die Regierung unterstützt uns nicht, sie behindert uns aber auch nicht», sagt sie. Und ist froh, dass sie und ihr Verein völlig selbständig entscheiden können.

Dass ihre Projekte funktionieren, bestätigen im Film nicht nur die lokalen Leiter, sondern auch viele Jugendliche, die rührend und stolz und optimistisch von ihrer Chance sprechen, die sie dank Rosa Freis Unterstützung bekommen haben: Lehrlinge, die eigene Firmen gründen oder erfolgreich studieren. Oder jener Mechanikerlehrling, dem Rosa Frei 200 Dollar gegeben hat, damit er ein eigenes Bett kaufen könne: Im Film zeigt dieser aber stolz den «perfekten Kochherd», den er von diesem Geld für seine Mutter selbst gebaut hat. Es sind solche Begegnungen, von denen Rosa Frei schwärmt und die ihr eine tiefe Genugtuung verschaffen. Kommt hinzu: «Hier im Hochland fühle ich mich einfach sehr wohl, ich mag die Menschen hier, die Natur, das Klima», sagt sie.

Auswandern? «Das wäre schon verlockend», sagt Rosa Frei. Auch wenn sie mit manchen Gewohnheiten ihre Mühe hat. Meerschweinchenfleisch als Geschenk lehnt sie als Vegetarierin ab. «Aber mich braucht es auch in der Schweiz. Jemand muss hier die Kontakte pflegen. Und zudem fühle ich mich in unserem Haus im Toggenburg, mit meiner Familie und meinem grossen Freundeskreis sehr wohl.»

Weitere Informationen über den Verein, die Projekte und die Patenschaften: www.ecuadorhilfe.com