Panzersperren halten Bagger auf

Im Zuge der Totalsanierung der Kantonsstrasse im Dorf Ricken wurde eine Panzersperre aus dem Zweiten Weltkrieg entdeckt. Diese war durch Strassenbelag verdeckt, die Verantwortlichen wussten nichts davon. Zwei ältere Anwohner hingegen erinnern sich sogar noch an deren Errichtung.

Barbara Anderegg
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Beda Ricklin demonstriert wie während des Zweiten Weltkrieges die T-Träger aus Stahl in die dafür vorgesehenen Schächte gesteckt wurden, um so eine Panzersperre zu bilden. Die Träger sind schon vor langer Zeit abtransportiert worden. (Bilder: Barbara Anderegg)

Beda Ricklin demonstriert wie während des Zweiten Weltkrieges die T-Träger aus Stahl in die dafür vorgesehenen Schächte gesteckt wurden, um so eine Panzersperre zu bilden. Die Träger sind schon vor langer Zeit abtransportiert worden. (Bilder: Barbara Anderegg)

RICKEN. Eine Überraschung erwartete die Strassenbauarbeiter, als sie im Zuge der Totalsanierung der Kantonsstrasse im Dorf Ricken den alten Belag entfernten: Auf einer Fläche von circa sieben auf acht Metern, also über beide Fahrbahnen hinweg, stiessen sie unter dem Belag auf Beton. In diesen eingelassen waren insgesamt 48 Schachtdeckel von etwa 30 auf 30 Zentimeter. Darunter verborgen je ein Meter tiefer Schacht: Eine Panzersperre.

Keine Seltenheit

Panzersperren in gewissen Strassenabschnitten seien keine Seltenheit, sagt Werner Müller, Strassenkreisinspektor Schmerikon. Normalerweise aber könne man diese an den Deckeln erkennen. In Ricken aber sei der alte Belag bei einer Sanierung vor etwa 30 Jahren einfach mit neuem Belag zugedeckt worden. «Wir hatten zwar Kernbohrungen durchgeführt, aber eben nicht an genau dieser Stelle. Darum haben wir nichts von diesen Überbleibseln gewusst», sagt Werner Müller.

Erinnerung an die Errichtung

Beda Ricklin und Karl Eichmann hingegen wussten sehr wohl, dass in diesem Strassenabschnitt eine solche Sperre aus dem Zweiten Weltkrieg verborgen lag. Die beiden Cousins leben noch heute in ihren Elternhäusern an der Wattwilerstrasse. Beda Ricklin, Jahrgang 1927, wohnt gleich auf Höhe der Panzersperre im Haus, in dem seine Eltern die Handlung Ricklin geführt hatten. Karl Eichmann, Jahrgang 1926, bewohnt das ehemalige Restaurant Hecht etwas oberhalb der besagten Stelle. Er erinnert sich noch genau an die Errichtung der Sperre: «Bei der zweiten Mobilmachung an Pfingsten 1941 haben Soldaten die Löcher gegraben, die Schächte eingelassen und rundherum betoniert. Tag und Nacht haben sie in drei Schichten gearbeitet, nachts die Baustelle mit Sturmlampen beleuchtet.» Neben der Strasse hätten dann die T-Träger aus Eisen bereit gelegen, erinnert sich Beda Ricklin. Im Ernstfall hätte man die Schachtdeckel entfernt und die Träger in die Schächte gesteckt. Die seien oben abgeschrägt gewesen und hätten unterschiedlich weit aus der Strasse herausgeragt. «Wenn ein Panzer in diese Träger hineingefahren wäre, hätten diese die Raupen zerstört», erklärt Beda Ricklin. In Zeiten der grössten Bedrohung habe man die Träger in der einen Strassenhälfte sogar stecken gelassen, so dass im Notfall nur noch die andere Hälfte hätte geschlossen werden müssen, erinnert er sich.

«Damals wussten wir nie, wann die Deutschen kommen. Wir waren immer bereit für eine Evakuation, der dafür benötigte Rucksack lag stets bereit», schildert Karl Eichmann die damalige Lage.

Ricken stark befestigt

Da der Rickenpass eine wichtige Verbindung war, sei er überall befestigt worden. Richtung Schönenberg beispielsweise sei die Seelibachbrücke «geladen» gewesen, also mit Sprengladungen versehen. Auch Richtung Wattwil hätten weitere Panzersperren bestanden, erinnern sich die beiden.

Das bestätigt auch Werner Meier. «Es gab doch einige solcher Sperren in der Gegend. Viele von ihnen wurden in den letzten Jahren allerdings entfernt», sagt er. So zum Beispiel jene in Wattwil auf Höhe Kehrplatz Brendi, wo das Militär vor etwa drei Jahren den Auftrag gegeben habe, sie zu schliessen. Bei der Sanierung des Strassenabschnitts im mittleren Hummelwald mussten sogar «geladene», also armierte Panzersperren entfernt werden. In solchen Fällen werde das Militär angefordert, welches diese Sperren dann durch ihre Sprengstoffexperten räumen lasse, erklärt der Strassenkreisinspektor. Zuständig dafür ist die Armasuisse Immobilien, das Kompetenzzentrum für Bauten des VBS.

Nur noch eine in Kirchberg

Die nicht geladenen Panzersperren können jedoch durch die Bauarbeiter beseitigt werden. So auch in Ricken. Allerdings habe das die Bauarbeiten um rund zwei Wochen verzögert, sagt Werner Meier. Der Aufwand sei nicht zu unterschätzen. Die Schachtdeckel und die Eisenprofile mussten entfernt, der Beton weggespitzt, das Ganze noch etwas abgesenkt und die Schächte mit Geröll aufgefüllt werden. Nun ist optisch alles wieder wie vorher. Das Überbleibsel aus Kriegszeiten unter der Strasse aber ist nun definitiv weg.

Das sei vielerorts so, sagt Werner Meier. Wenn Strassen saniert würden, dann habe man in den letzten Jahren oft die Panzersperren entfernt, allerdings immer in Rücksprache mit dem Militär.

Auf den Kantonsstrassen im Toggenburg gebe es inzwischen nur noch eine, die ihm bekannt sei, sagt Felix Brander, Strassenkreisinspektor Wattwil. Diese liege im Fetzwald, auf der Strasse, die vom Stelz Richtung Kirchberg führt. Insgesamt seien im ganzen Toggenburg während des Zweiten Weltkrieges einige Panzersperren errichtet worden. Alle anderen, zumindest die bekannten, seien inzwischen aber entfernt worden, wie jene beispielsweise, die in der Strasse vor Starkenbach eingebaut gewesen war. Erst kürzlich habe man auch die Sperre zwischen Schutzgonten und Gams zurückgebaut, sagt Felix Brander.

Die Schachtdeckel wurden entfernt, die Schächte mit Geröll aufgefüllt.

Die Schachtdeckel wurden entfernt, die Schächte mit Geröll aufgefüllt.

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