Pandemie
Mit Smileys gegen den Coronafrust: Wie die Jugendlichen im Appenzellerland mit der Pandemie zurechtkommen

Die Osterkrawalle in St.Gallen wurden auch in den Nachbarkantonen mitverfolgt. In Inner- und Ausserrhoden leiden die Kinder und Jugendlichen ebenfalls unter der Pandemie und dem Lockdown. Die Gemeinden versuchen, die Situation so gut es geht aufzufangen.

Alessia Pagani und Lilli Schreiber
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Die Smileys verbreiten Fröhlichkeit auf dem Ebnet-Vorplatz.

Die Smileys verbreiten Fröhlichkeit auf dem Ebnet-Vorplatz.

Bild: PD

Das Osterwochenende in St.Gallen wurde von wüsten Szenen überschattet. Mehrere hundert Jugendliche versammelten sich am Abend des Karfreitags auf den Strassen, um gegen die Coronaregeln zu protestieren. Die Teenager und jungen Erwachsenen lieferten sich eine Strassenschlacht mit der Polizei. Die Beamten wurden mit Molotowcocktails, Steinen und anderen Gegenständen beworfen. Die Polizei wiederum setzte Tränengas und Gummischrot ein. Die mediale Aufmerksamkeit war gross. Überall war die Rede vom Coronafrust der Jugendlichen.

Die Ausschreitungen in St.Gallen wurden auch in der einwohnerstärksten Gemeinde Ausserrhodens mitverfolgt. Herisaus Schulleiter Michael Häberli verurteilt die Krawalle aufs Schärfste.

Michael Häberli, Schulleiter Herisau.

Michael Häberli, Schulleiter Herisau.

Bild: PD
«Man darf sich Gehör verschaffen. Das darf sich aber nicht auf diesem Weg äussern.»

Wie Häberli ausführt, reagieren die Jugendlichen mit zunehmender Dauer der Pandemie dünnhäutiger und schneller, teilweise auch «explosiver». Er kann die Heranwachsenden und ihre Schwierigkeiten mit der aktuellen Lage nachvollziehen. «Ich habe vollstes Verständnis dafür. Es ist eine unangenehme Situation. Aber leider ist es die Realität. Wir müssen den besten Weg finden, mit dieser Situation umzugehen.» Die Herausforderungen der Jungen machen sich bei Häberli in der täglichen Arbeit bemerkbar. Er sagt:

«Wir spüren, dass es für die Kinder und Jugendlichen eine belastende Zeit ist. Die psychischen Probleme haben zugenommen.»

Die Schulsozialarbeit als erste Anlaufstelle für Kinder und Jugendliche verzeichnet seit Beginn der Pandemie einen Anstieg der Nachfrage nach Beratungen und Unterstützungen. «Wir können gewisse Sachen auffangen. Oft geht es aber darum, die richtigen Personen zusammenzubringen. Sprich, die Betroffenen darin zu unterstützen, die entsprechenden Anlaufstellen zu finden», so Häberli.

Mit Infoschreiben und Ablenkung gegen die Pandemie

Die Schule Herisau versucht alles, um den Kindern und Jugendlichen während der Pandemie beizustehen. Wiederholt verschickt Häberli Informationsschreiben an die Lehrpersonen mit Ansatzpunkten oder Ideen, wie die Coronapandemie im Unterricht thematisiert werden kann. Am Dienstag beispielsweise war der Inhalt des Schreibens für die Oberstufe «Corona und Sucht». Den Lehrpersonen steht es frei, wie weit sie Corona in den Unterricht einfliessen lassen. Wie Häberli sagt, ist das Bedürfnis nicht in allen Klassen gleich gross.

Um für die Kinder und Jugendlichen da zu sein und ihnen ein wenig Abwechslung zu schenken, setzt die Schule Herisau ihr Augenmerk auch auf verschiedene Anlässe. «Wir versuchen, wenn möglich alle Anlässe stattfinden zu lassen.» So werden momentan etwa Sondertage geplant. Im März hatte Künstlerin Kathrin Bosshard ihr Puppentheater «Frederick» für die Schule Herisau aufgeführt. Und in der Nacht auf Freitag organisierten die Schülerinnen und Schüler der dritten Oberstufe im Rahmen des Siebäsiäch-Tags eine Smileyaktion. Während zweier Stunden bemalten sie Trottoirs und Plätze mit Smileys. Häberli sagt:

«Die Aktion soll in dieser speziellen Zeit eine positive Botschaft vermitteln.»

Was für die Schülerinnen und Schüler eine schöne Abwechslung darstellt, ist auch als aufmunternde Geste an alle Bürgerinnen und Bürger zu verstehen. «Es soll ein wenig Freude in die Gesellschaft bringen.»

Massnahmen werden eingehalten

Sandra Nater, Herisauer Gemeinderätin und zuständig für das Ressort Soziales.

Sandra Nater, Herisauer Gemeinderätin und zuständig für das Ressort Soziales.

Bild: PD

Auch Sandra Nater, Vorsteherin des Ressort Soziales, weiss, dass die Situation den Jugendlichen zusetzt. «Es hat sich gezeigt, dass die Coronapandemie das psychische Wohlbefinden der Jugendlichen verringert. Frust ist teilweise auch in Herisau spürbar.» Entsprechende Rückmeldungen hat Nater unter anderem von der Leiterin des Jugendzentrums Herisau, Anne Herz-Barbey, erhalten. Wie Nater weiter ausführt, befinden sich Kinder und Jugendliche in einer besonders sensiblen und prägenden Lebensphase. Für die Jugendlichen findet sie nur lobende Worte:

«Die Massnahmen werden erstaunlich gut und mit viel Solidarität eingehalten. Die Kinder und Jugendlichen verzichteten verständnisvoll auf vieles, was in ihrem Lebensalltag und für ihre Entwicklung zentral und wichtig wäre.»

Die Ausschreitungen in St.Gallen würden von einem Grossteil der Jugendlichen in Herisau nicht gutgeheissen, so Nater. Auch sie hat die Krawalle mitbekommen. «Ich habe die Situation mit grossem Bedauern mitverfolgt. Es muss aber festgehalten werden, dass wir jetzt nicht einfach alle Jugendlichen in den ‹gleichen Topf› werfen dürfen. Es wird die Minderheit sein.»

Situation in laufenden Beratungen verschärft

Die Auswirkung der Coronakrise zeigt sich im Jugendzentrum vor allem bei der niederschwelligen Anlaufstelle für Beratung, wie Sandra Nater ausführt. «Es sind nicht viele zusätzliche Fälle dazu gekommen, jedoch hat sich die Situation der Jugendlichen in den bereits laufenden Beratungen merklich verschärft.» Dies zum Beispiel im Zusammenhang mit erhöhten Schwierigkeiten bei der Lehrstellensuche. Die Jugendlichen machen sich Sorgen über die eigene Zukunft, haben keine Möglichkeit zum Schnuppern oder einen Rückstand beim Schulstoff. Dies schlägt auf die Psyche. Zudem haben sich bereits angespannte familiäre Situationen durch die Coronasituation teilweise verschärft. Sie nennt beispielsweise die zusätzliche Belastung durch Homeoffice der Eltern, die verringerten Möglichkeiten für Rückzug sowie weniger Freiraum, der fehlende Austausch mit Gleichaltrigen, eine Arbeitslosigkeit der Eltern, prekärere finanzielle Verhältnisse oder die Zunahme von häuslicher Gewalt. Ein weiterer Faktor sei das Gefühl von Einsamkeit, Isolation und depressiven Gefühlen. Nater sagt:

«Umso wichtiger ist es daher, dass die Angebote für die Jugendlichen aufrechterhalten und zusätzlich andere Formen gefunden werden, um Raum für Erholung, Förderung und Unterstützung im ausserschulischen Bereich zu bieten.»

In Herisau hat das Jugendzentrum sein Angebot angepasst. Jetzt, während der Coronakrise, ist das Beratungsangebot auch online vorhanden, zudem versuchen die Verantwortlichen, die Jugendlichen via Social Media zu erreichen, und geben dort Tipps und Tricks zur Freizeitgestaltung. Seit März besteht für die Jugendlichen zudem wieder die Möglichkeit, sich im Jugendzentrum zu treffen. «Das Angebot wird sehr geschätzt und verschafft den Jugendlichen eine kurze und wertvolle Ablenkung.»

Hilfesuchende ziehen sich zurück

Die Coronakrise macht sich auch in der Mobilen Sozialarbeit in Herisau bemerkbar. Diese bietet unter anderem im Gemeinschaftszentrum im ehemaligen Haus Gregorin eine Anlaufstelle für Personen, die von gesellschaftlicher Ausgrenzung und Stigmatisierung betroffen sind und Unterstützungsbedarf haben. Die Jugend macht in der Mobilen Sozialarbeit nur einen kleinen Teil der Klientel aus. Herisauerinnen und Herisauer seien allesamt gleichermassen von der Situation betroffen, sagt Sandra Nater, Vorsteherin des Ressort Soziales. «Wir spüren sehr stark, dass durch den nicht mehr vorhandenen Zugang zum Gemeinschaftszentrum und dadurch zur niederschwelligen Beratung ein Rückzug auch in der Hilfesuche stattfindet. Unsere Klientel zieht sich mit persönlichen Problemen zurück und die Belastungen einzelner Personen und Familien nehmen zu», so Nater. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind stärker gefordert. Um die hilfesuchenden Personen dennoch erreichen zu können, hat die Mobile Sozialarbeit unter der Leitung von Sabrina Jaggi ihr Angebot während der Krise ebenfalls angepasst. Zu den Einzelberatungen vor Ort sind noch Beratungen via Telefon, Chat und Zoom hinzugekommen. «Diese Angebote bieten wir auch zu Randzeiten und an den Wochenenden an», so Jaggi. Zudem gehen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter noch häufiger auf die Strasse und versuchen, an den Hotspots mit den Betroffenen ins Gespräch zu kommen.

Keine Ausschreitungen erwartet

Monika Dammann, Schulsozialarbeiterin in Appenzell Innerrhoden.

Monika Dammann, Schulsozialarbeiterin in Appenzell Innerrhoden.

Bild: PD

In Appenzell Innerrhoden sieht der Kanton aktuell keinen Handlungsbedarf, Angebote gegen die Frustration vieler Jugendlicher zu schaffen. Monika Dammann, Schulsozialarbeiterin in Innerrhoden, schätzt die Lage auch nicht als akut ein. Die Jugendlichen würden sich seit Frühlingsbeginn zwar wieder vermehrt in Grüppchen im Freien treffen, stellt Dammann fest, jedoch sei die Stimmung stets friedlich und nicht etwa aggressiv. Ihrer Meinung nach entlade sich die coronabedingte Frustration höchstens als verbale Rebellion in der Schule oder im Freundeskreis. Dammann befürchtet nicht, dass es auch in Innerrhoden zu gewaltsamen Ausschreitungen oder sogar zu Sachbeschädigungen wie im Kanton St.Gallen kommen könnte. Die Schulsozialarbeiterin sagt:

«In Innerrhoden hält sich momentan noch alles im Rahmen.»

Dammann macht allerdings auch darauf aufmerksam, dass sie in ihrem Beruf nur die Spitze des Eisberges zu sehen bekommt. «Es gibt viele Jugendliche, die an den sozialen Folgen der Pandemie leiden», sagt sie. Meist seien dies gerade jene Jugendlichen, die auch schon vor Corona weder in Vereinen aktiv noch sozial sonderlich gut integriert gewesen seien. Die Gefahr der Vereinsamung in Zeiten der Pandemie sei nicht zu unterschätzen, so Dammann.

Aufsuchende Jugendarbeit in Teufen

Muriel Frei, Gemeinderätin und Präsidentin des Ressorts Kinder- und Jugendarbeit in Teufen.

Muriel Frei, Gemeinderätin und Präsidentin des Ressorts Kinder- und Jugendarbeit in Teufen.

Bild: PD

Muriel Frei, Gemeinderätin und Präsidentin des Ressorts Kinder- und Jugendarbeit in Teufen, beschreibt die dortige Lage als ruhig. Die Gemeinde Teufen sei allerdings auch nicht mit der Stadt St.Gallen vergleichbar, sagt Frei. Es habe in Teufen während der Coronazeit keine Sachbeschädigungen oder Ausschreitungen gegeben. Dies liege nicht zuletzt an Angeboten wie Jugendtreff, Projekten oder Aktionen für Kinder und Jugendliche in Teufen, die trotz der anspruchsvollen Coronamassnahmen unter Einhaltung des Schutzkonzepts aufrechterhalten werden. Damit sollen den Jugendlichen Treffpunkte und Programme ermöglicht werden, die sie von den aktuellen sozialen Einschränkungen ablenken sollen. Durch die aufsuchende Jugendarbeit in Teufen können Jugendliche aufgefangen und mit ihnen auf persönlicher Ebene Gespräche geführt werden. Frei sagt:

«Aktuell ist bei vielen Jugendlichen eine erhöhte Frustration bemerkbar. Wichtig ist, dass ihnen in dieser Zeit auch eine Perspektive bezüglich Lehrstellensuche und des Einstiegs ins Berufsleben gegeben wird.»

Durch die Einschränkungen der Freiheit sei die Frustrationstoleranz bei Jugendlichen im letzten Jahr leicht gesunken, berichtet Frei. Dies sei aber auch bei Erwachsenen festzustellen. Die Gründe für die Frustration vieler Jugendlicher seien vielseitig. Zum einen sei die Einschränkung des Ausgangs zu nennen, der eine wichtige Möglichkeit des sozialen Kontakts miteinander darstelle. Zum anderen handle es sich bei Jugendlichen um eine Altersgruppe, für welche Festivals und Reisen eine zentrale Rolle spielen. «Auch sportliche Aktivitäten sind nur eingeschränkt möglich, weswegen ihnen dieser Ausgleich fehlt», sagt Frei.