Ostschweizer Pionierin jubiliert

Die Sozialbegleitung Appenzellerland bietet Menschen mit psychosozialen Schwierigkeiten eine Unterstützung im Alltag sowie eine sinnvolle Beschäftigung. Die Ostschweizer Pionierin der ambulanten Wohnbegleitung feiert Anfang September ein doppeltes Jubiläum.

David Scarano
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HERISAU. Im Atelier im ehemaligen Kindergarten Steig: Zwei Männer sind in ihre Arbeit vertieft. Einer bohrt in Ruhe Löcher in rote, blaue oder grüne Kerzen. Später werden Dochte hineinkommen. «Ich kann hier einer sinnvollen Tätigkeit nachgehen», sagt er zufrieden. Der Ausserrhoder ist einer von 25 Klienten des Arbeitsateliers der Sozialbegleitung Appenzellerland.

Die Institution begeht am kommenden Dienstag, 4. September, ein doppeltes Jubiläum: Das Arbeitsatelier wurde vor fünf Jahren ins Leben gerufen, das «Begleitete Wohnen» vor mehr als 15 Jahren. Die Sozialbegleitung, vom Bundesamt für Sozialversicherung und vom Kanton anerkannt, steht unter der Trägerschaft des Appenzellischen Hilfsvereins für Psychisch Kranke.

Die Sozialbegleitung hat ihren Sitz in Herisau und steht den Bewohnern beider Appenzeller Kantone offen. «Wir richten uns an Menschen mit psychosozialen Schwierigkeiten», sagt Michael Higi, Leiter des Arbeitsateliers. Gemeint sind Menschen, die an Depressionen oder Psychosen leiden und Mühe haben, selbständig den Alltag zu bewältigen. Die Sozialbegleitung kennt zwei Standbeine: neben dem Arbeitsatelier zudem das «Begleitete Wohnen», das aktuell 60 Personen betreut.

Begleitung zu Hause

Die beiden Geschäftsleiter Michael Higi und Monique Roovers sitzen mittlerweile im Büro des Ateliers, im Hintergrund steht ein Regal mit Papierkörben aus alten Reisssäcken, hergestellt von den Klienten. «Wir waren die ersten, die in der Ostschweiz <Begleitetes Wohnen< anboten», sagt Monique Roovers, die dem begleiteten Wohnen vorsteht. Bei diesem Angebot werden die Klienten in ihren eigenen Wohnungen besucht. Einige von ihnen brauchen vorübergehend Hilfe oder haben kürzlich eine Klinik verlassen. Die Ziele, wie beispielsweise vermehrte Selbständigkeit, werden individuell festgelegt und periodisch überprüft. «Wir geben den Klienten Sicherheit, in dem wir mit ihnen Gespräche führen und sie im Alltag begleiten. Das fördert ihre Eigenständigkeit», so die Leiterin. Das «Begleitete Wohnen» weist aktuell neun Teilzeit-mitarbeiter auf. Hauptsächlich sind es Sozialpädagogen oder Psychiatriepflegefachpersonen. Es ist wie das Arbeitsatelier freiwillig. Es steht fast allen offen. Der Klient muss erwachsen und bereit für die Zusammenarbeit sein sowie sich in ärztlicher oder therapeutischer Begleitung befinden. Die meisten Klienten nehmen das Angebot auf Empfehlung einer Fachperson, etwa der Berufsbeistandschaft, in Anspruch. Gemäss Monique Roovers ist der Anteil überforderter junger Mütter in den letzten Jahren gestiegen. «Sie sind dem Druck nicht mehr gewachsen und mit den Kindern überfordert», sagt sie.

Vor Isolation bewahren

Aus den Erfahrungen und Beobachtungen des Begleiteten Wohnens heraus entstand vor fünf Jahren das Arbeitsatelier. «Viele Klienten sind nicht fähig, einer geregelten Arbeit nachzugehen. Dadurch droht eine soziale Verwahrlosung», sagt Michael Higi. Im Gegensatz zu den geschützten Werkstätten können die Klienten im Arbeitsatelier stundenweise tätig sein. Die Beschäftigung fördert die soziale Integration und gibt Strukturen, die im Alltags helfen. Wie Michael Higi betont, arbeiten die Klienten nicht «für die Halde»: «Sie besitzen Arbeitsverträge und werden für ihre Tätigkeit bezahlt.» Das Arbeitsatelier, das von Montag bis Freitag offen ist, stellt eigene Produkte aus Recycling-Material her oder übernimmt Auftragsarbeiten für die Sozialeinrichtung Heimstätten Wil. Das Angebot für ein vorwiegend urbanes Publikum reicht von Adventskarten bis hin zu originellen Taschen aus alten Vinyl-Platten. Verkauft werden sie unter anderem in Claro-Läden oder an diversen Märkten, etwa am Trogener Adventsmarkt. Die Design-Produkte für die Heimstätten Wil gibt es gar in New York zu kaufen, sagt Michael Higi.

Ebenfalls im ehemaligen Kindergarten wird ein Kreativatelier angeboten. Im Mittelpunkt stehen Freizeitbeschäftigungen und das Erleben der Gemeinschaft. Konkret bedeutet dies: Man kann basteln oder einfach nur gemeinsam einen Kaffee trinken.

Im Trend

Die Sozialbegleitung liegt mit ihren Angeboten voll im Trend. Die Zauberwörter heissen ambulant und dezentral. «Die Klienten müssen sich nicht in weit abgelegene Klinik begeben, sondern wir gehen zu den Menschen hin. Das ist nicht nur günstiger, sondern senkt auch die Hemmschwellen», sagt Monique Roovers. In anderen Kantonen wird diese Art der Betreuung gezielt gefördert, in Ausserrhoden in den Augen der beiden Leiter leider zu wenig. Auch das nach wie vor ausstehende Psychiatriekonzept werde wenig daran ändern. Doch zurück in der Kerzenstube: Das fehlende Psychiatriekonzept lässt die anwesenden Klienten im Arbeitsatelier kalt. Die Frauen und Männer nähen konzentriert Taschen, schöpfen Papier oder bohren weiter in den Kerzen. Sie sind froh, dass sie eine Arbeit haben, die sinnvoll ist und sie als Mensch bestätigt. «Wir haben ein gutes Arbeitsklima», sagt ein Klient.

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