Osterhäsin

Wir gehen im Thurgau auf dem flachen Weg, der mal mehr, mal weniger dem Seeufer entlang von Romanshorn nach Arbon führt. Es ist ein diesiger Sonntag, und es sind überraschend wenig Leute unterwegs.

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Wir gehen im Thurgau auf dem flachen Weg, der mal mehr, mal weniger dem Seeufer entlang von Romanshorn nach Arbon führt. Es ist ein diesiger Sonntag, und es sind überraschend wenig Leute unterwegs.

Etwa fünfzig Meter weiter vorne wird sich unser Weg mit dem Strässchen kreuzen, das vom leicht erhöhten Dorf zu unserer Rechten zum See hinunterführt.

Auf diesem Strässchen kommt von rechts ein Velo ins Bild, ein Fahrrad mit Frau. Auf ihrem dunklen Kopf leuchten zwei rosarote Dinge, und sie tritt mit ebenso leuchtend rosaroten Beinen die Pedale.

Ja, nun sehe ich es deutlich, zwei rosa Hasenohren sind's, die aus dem schwarzen Schneewittchenhaar hervorgucken, und die rosa Strumpfbeine stecken in schwarzen Stöckelschuhen. Das lauter werdende Surren muss vom Dynamo stammen, denn es brennt, jetzt am Nachmittag, auch die Lampe am altmodischen Velo. Sehr aufrecht und ohne nach links oder rechts zu schauen, fährt die Frau zügig über die Kreuzung Richtung See. Die Hasenohren leuchten süss vor dem rauchigblauen Himmel, die Marzipanbeine kreisen vor dem braunen Schilf. Dann ist sie verschwunden.

Gabriele Barbey

PS: Obschon mein Mann im Thurgau arbeitet, hat er noch nie von diesem hübschen Hasenbrauch gehört.