Ortsarchiv vor Schicksalswende?

WATTWIL. Morgen Mittwoch entscheidet die Sonntagsgesellschaft Wattwil über die Zukunft des Ortsarchivs. Der Vorstand will dieses abgeben, Ortsarchivar Bernhard Schmid wehrt sich. Die Politische Gemeinde zögert bei der Lösungsfindung.

Hansruedi Kugler
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Sind sich in Sachen Ortsarchiv nicht einig: Sonntagsgesellschafts-Präsident Edy Schmid (links) und Ortsarchivar Bernhard Schmid in den Räumen des Ortsarchivs. Rechts eine Feuerwehrtrommel, die im 19. Jahrhundert zum Alarmschlagen bei Brandfällen geschlagen wurde. (Bild: Hansruedi Kugler)

Sind sich in Sachen Ortsarchiv nicht einig: Sonntagsgesellschafts-Präsident Edy Schmid (links) und Ortsarchivar Bernhard Schmid in den Räumen des Ortsarchivs. Rechts eine Feuerwehrtrommel, die im 19. Jahrhundert zum Alarmschlagen bei Brandfällen geschlagen wurde. (Bild: Hansruedi Kugler)

Die Ortsarchive im Toggenburg sind im Umbruch. In Mosnang sorgt eine gemeinderätliche Kommission für Kontinuität, in Lichtensteig wird das Ortsarchiv aufgelöst. Auch in Wattwil steht die Schicksalsfrage zur Debatte. Bereits an der letztjährigen Hauptversammlung der Sonntagsgesellschaft hat deren Präsident Edy Schmid bekanntgegeben, dass sich der Vorstand vom Ortsarchiv trennen möchte. Die Führung des Archivs gehöre nicht zu den Kernaufgaben der Sonntagsgesellschaft und sei nicht mal in den Statuten vermerkt, sagt Edy Schmid. Darum wolle sich der Vorstand auf das Organisieren von Vorträgen, Exkursionen und Filmen konzentrieren. «Das Ortsarchiv funktioniert selbständig und braucht die Hilfe der Sonntagsgesellschaft nicht», meint Edy Schmid. Die Politische Gemeinde übernimmt mit einem Jahresbeitrag von 1200 Franken die Kosten für das Ortsarchiv. Mit der Kirchgemeinde ist die Nutzung der Räume im Kirchturm vertraglich abgesichert. Miete braucht das Ortsarchiv nicht zu zahlen. Edy Schmid sähe es deshalb gerne, wenn sich das Ortsarchiv in einem eigenen Verein organisieren würde: «Dann könnte sich jeder um seine Bedürfnisse kümmern.»

Guter Imageträger

Ortsarchivar Bernhard Schmid sieht sich allerdings nicht in der Rolle des Vereinspräsidenten. Er wolle sich um die Digitalisierung der Bestände, die Forschung und Bearbeitung von Anfragen kümmern und nicht noch einen Verein führen, meint Bernhard Schmid. Er sieht das Ortsarchiv in Gefahr, der Verlust wichtiger Dokumente drohe und falls die Politische Gemeinde einen Teil übernehme, werde der Zugriff auf die Archivbestände schwierig. «Ich verstehe auch nicht, dass sich die Sonntagsgesellschaft vom Ortsarchiv trennen will. Ausser der Rechnungsführung gibt es für sie keine Arbeit und zahlen muss sie für das Ortsarchiv auch nichts.»

Zudem verlöre die Sonntagsgesellschaft etwas Wertvolles, nämlich ein Aushängeschild: «Die Sonntagsgesellschaft würde einen Riesenfehler machen. Denn das Ortsarchiv ist vor allem bei den Wattwiler Mitgliedern der Sonntagsgesellschaft ein guter Imageträger.» Edy Schmid kontert: «Von unseren 432 Mitgliedern kommen nur 237 aus Wattwil, die restlichen Mitglieder haben keinen Bezug zum Ortsarchiv.» Derzeit sei die Finanzierung des Ortsarchivs gesichert, aber sowohl bei der Sonntagsgesellschaft wie bei der Politischen Gemeinde beruht das Engagement auf Goodwill. «Falls die Gemeinde mal entscheiden sollte, das Ortsarchiv nicht mehr oder weniger grosszügig zu finanzieren, müsste ich das Ortsarchiv aus Mitgliederbeiträgen finanzieren. Das ist aber nicht unsere Aufgabe», sagt Edy Schmid. Falls die Sonntagsgesellschaft die Trennung vom Ortsarchiv beschliesse, werden sämtliche Dokumente und Objekte der Nachfolge-Organisation übergeben, versichert Edy Schmid.

Gemeinde Wattwil

Wattwils Gemeinderatsschreiber Pascal Sidler ist vom Gemeinderat beauftragt worden, Varianten für die Zukunft des Ortsarchivs zu prüfen. «Grundsätzlich schätzt der Gemeinderat die Arbeit des Ortsarchivs und vor allem der freiwilligen Archivbetreuer sehr», sagt Pascal Sidler. Deshalb unterstütze die Gemeinde durch einen zweckgebundenen Jahresbeitrag an die Sonntagsgesellschaft das Ortsarchiv auch finanziell. Zudem hat die Gemeinde im letzten Jahr die Anschaffung eines Laptops inklusive Archivierungs-Software und eines Luftbefeuchters bezahlt. Vorsorglich hat Pascal Sidler das Ortsarchiv im Turm der evangelischen Kirche mit zwei Mitarbeitern des Staatsarchivs besichtigt. Der Befund: «Es besteht zurzeit kein Risiko, dass die Bestände zu Schaden kommen. Die Räume sind für die dauerhafte Lagerung der Bestände durchaus geeignet», sagt Pascal Sidler. Falls die Sonntagsgesellschaft das Ortsarchiv aufgibt, stellt sich für die Gemeinde die Frage, ob und inwiefern sie bei der künftigen Lagerung oder Betreuung Hilfe anbietet. Über die Fotos und historischen Objekte müsse die jetzige Eigentümerin, die Sonntagsgesellschaft, entscheiden. Anders sieht es bei den Dokumentenschachteln der Dorfvereine aus. Es gibt andere Gemeinden (so etwa Lichtensteig), die den Vereinen eine unentgeltliche Lagerung ihrer Archive anbietet. Denkbar wäre dies grundsätzlich auch in Wattwil, meint Pascal Sidler. Ein konkretes Angebot an die Sonntagsgesellschaft hat der Gemeinderat aber noch keines gemacht, betont Pascal Sidler.

Ortsarchive im Toggenburg

Anders als das Ortsarchiv ist die Ortschronik in den Statuten der Sonntagsgesellschaft als Aufgabe vermerkt. Die Chroniken lagern zwar im Ortsarchiv, «der Chronist aber arbeitet zu Hause mit Hilfe von Zeitungen», relativiert Edy Schmid. Der Ortschronist sei nicht auf das Ortsarchiv angewiesen. Bernhard Schmid hält dies für fadenscheinig: Das Ortsarchiv sei aus der Arbeit des Orts-Chronisten gewachsen.