Ortsarchiv bald heimatlos?

WATTWIL. Am Mittwoch hat die Sonntagsgesellschaft Wattwil entschieden, sich vom Ortsarchiv Wattwil zu trennen. Sie sucht nun nach einer neuen Trägerschaft und will die Politische Gemeinde in die Pflicht nehmen.

Hansruedi Kugler
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Die 183. Hauptversammlung der Sonntagsgesellschaft Wattwil wird mit zwei markanten Veränderungen in die Geschichtsbücher eingehen: Sie trennt sich vom Ortsarchiv und sie geht mit einem modernisierten Auftritt ins Internet und bezeichnet sich nun als Kulturforum (www.sgw-kultur.ch). Damit wolle man vermehrt auch ein jüngeres Publikum erreichen, sagt Edy Schmid, Präsident der Sonntagsgesellschaft. Mit einem abonnierten Newsletter werden die Kulturinteressierten künftig per E-Mail über das Programm informiert.

Die beiden Veränderungen haben einen Zusammenhang. Denn gemäss Statuten stellt sich die Sonntagsgesellschaft die Aufgabe, «das Interesse an kulturellen Fragen zu fördern». Unter den konkreten Zielen nennen die Statuten die Veranstaltung von Vortragsabenden, Filmvorführungen, Exkursionen, die Durchführung von Ausstellungen und die Führung der Ortschronik. Darauf will sich der neunköpfige Vorstand der Sonntagsgesellschaft konzentrieren. «Das Ortsarchiv hingegen ist in unseren Statuten mit keinem Wort erwähnt», sagt Edy Schmid.

Gemeinde soll Ortsarchiv führen

Bis jetzt hat die Politische Gemeinde die Ausgaben für das Ortsarchiv gedeckt. Neben dem Jahresbeitrag von 1200 Franken hat sie auch besondere Anschaffungen wie Laptop und Luftentfeuchter bezahlt. Das Ortsarchiv kostet die Sonntagsgesellschaft nichts, die Ortsarchivare machen ihre Arbeit selbständig. «Das Ortsarchiv braucht die Sonntagsgesellschaft nicht, und es wäre logisch, wenn die Politische Gemeinde, die ja auch die Finanzierung übernimmt, auch die Trägerschaft übernehmen würde», meint Edy Schmid. Peter Bötschi, amtsältestes Vorstandsmitglied, ergänzte die Argumentation von Edy Schmid: Jahrelang habe der Vorstand der Sonntagsgesellschaft die Klagen der Ortsarchivare anhören müssen, wonach der Zustand der Räume schlecht und diese vor allem zu feucht seien. Der Vorstand könne das Ortsarchiv fachlich nicht führen, meinte er, müsse aber solche Anträge dann an die Politische Gemeinde weiterleiten. Es sei doch einfacher, wenn die Ortsarchivare solche Anträge direkt an die Gemeinde formulieren würden.

Vorstand in der Kritik

Ortsarchivar Bernhard Schmid wehrte sich gegen die Trennung. Die Zukunft des Ortsarchivs werde so unnötig aufs Spiel gesetzt und die Sonntagsgesellschaft verliere dadurch einen Imageträger. Thomas Appius doppelte nach: Früher habe sich die Sonntagsgesellschaft auch um das Spital und die Thurkorrektion gekümmert. Die Einschränkung auf die Organisation von Vorträgen sei schade. Und man solle auch nicht alles der Gemeinde anhängen. Am Ende beschloss die Versammlung mit 22 zu 9 Stimmen, das Ortsarchiv von der Sonntagsgesellschaft zu lösen. Er werde nun das Gespräch mit dem Gemeinderat suchen, sagte Edy Schmid. Ziel sei es, spätestens in einem Jahr eine Lösung für eine neue Trägerschaft zu haben. Das Ortsarchiv werde aber sicher nicht im Stich gelassen.

Gemeinde zeigt sich kooperativ

Wie sich der Wattwiler Gemeinderat zur allfälligen Übernahme stelle, wollte Verena Roth wissen. Eine solche Stellungnahme stehe noch aus, so Edy Schmid, und ergänzte: «Ich bin überzeugt, dass die Gemeinde Hand bieten wird, denn die Objekte und Dokumente im Ortsarchiv sind lokalhistorisches Gut.» Auf Nachfrage meinte Gemeindepräsident Alois Gunzenreiner, der nicht an der Versammlung war, gestern gegenüber dem Toggenburger Tagblatt: «Wenn das Ortsarchiv weiterhin so eigenständig von Freiwilligen geführt wird, gibt es für mich keinen Grund, die Gemeindebeiträge zu streichen. Das Geld würde dann einfach nicht mehr über die Sonntagsgesellschaft ans Ortsarchiv gelangen, sondern direkt ans Ortsarchiv ausbezahlt.» Konkrete Beschlüsse bezüglich Zukunft des Ortsarchivs habe der Gemeinderat aber noch keine gefällt, relativiert Alois Gunzenreiner. Der Gemeinderat habe aber sein grundsätzliches Interesse am Ortsarchiv bewiesen, indem er neben den Jahresbeiträgen auch ausserordentliche Anschaffungen bezahlt habe. Zudem habe der Gemeinderat den Gemeinderatsschreiber Pascal Sidler beauftragt, die Situation des Ortsarchivs zu prüfen. Es sei nun an der Sonntagsgesellschaft und am Ortsarchiv, das Gespräch mit dem Gemeinderat zu suchen, sagt Alois Gunzenreiner. Danach werde man zusammen entscheiden, ob es künftig überhaupt eine neue Trägerschaft für das Ortsarchiv brauche. Möglich sei auch, dass die Gemeinde eine Einzelperson mit der Führung des Ortsarchivs beauftrage. Es müsse nicht zwingend ein neuer Verein gegründet werden.