Ordnung ins Chaos bringen

HERISAU. Die sintflutartigen Regenfälle richten am Sonntagnachmittag im Appenzeller Hinterland Millionenschäden an. Die Alpsteinstrasse verwandelt sich kurzzeitig in einen reissenden Fluss, und in Schwellbrunn muss sogar ein ganzes Quartier evakuiert werden. Die Aufräumarbeiten dauern an.

Patrik Kobler
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Herisau. Nach den sintflutartigen Regenfällen präsentiert sich die Alpsteinstrasse am Sonntagnachmittag in einem surrealen Bild. Wo normalerweise um diese Zeit Hunderte von Touristen mit ihren Fahrzeugen vom Alpstein zurückkehren und sich Richtung St. Gallen schlängeln, liegt allenthalben Schutt und Geröll. Von den Hängen hinab stürzen Wassermassen; eine braune Suppe fliesst die Fahrbahn hinunter.

Es herrscht eine gefasste Ruhe. Schaulustige waten durch den Schlamm, vor den Häusern blicken ihre Bewohner ungläubig in die Welt hinaus. Kilometerlang herrscht im Herisauer Industriegürtel zwischen Säge und Kreuzweg ein Bild der Zerstörung: Autos, Gärten, Garagen, Keller, Wohnungen, Gewerbe- und Industriebetriebe sind in Mitleidenschaft gezogen worden. Auf dem Gemeindegebiet müssen eine Familie sowie eine Einzelperson evakuiert werden. Besonders betroffen sind auch viele Gewerbe- und Industriebetriebe. An vielen Orten ist das Arbeiten nur eingeschränkt oder gar nicht mehr möglich. Auf 9 Mio. Franken bezifferte Assekuranz-Chef Ernst Bischofberger an der gestrigen Medienkonferenz die Schadenssumme.

Chaosphase

«Die Natur hat uns gezeigt, wie klein wir Menschen sind», sagt am Sonntagnachmittag ein Betroffener. Hinter seiner Parterrewohnung ist eine Schlammlawine niedergegangen. Die Wohnung blieb verschont, dafür ist der Keller überflutet. Längst habe er die Feuerwehr gerufen, so der Mann. Die aber lässt auf sich warten. Denn: Sie wird gleichzeitig im halben Dorf benötigt. Aus allen Ecken und Enden gehen Notrufe ein. Auf diversen Tafeln werden im Feuerwehrdepot die Ereignisse registriert. Es dauert eine ganze Weile, bis sich die Einsatzkräfte einen Überblick verschaffen. Hans Stricker, Leiter des Gemeindeführungsstabs, spricht anderntags von einer längeren Chaosphase. Eine Brandmeldung habe die Situation zusätzlich erschwert. Als ehemaliger Feuerwehrkommandant sah sich Stricker nicht zum ersten Mal mit einem Hochwasser in Herisau konfrontiert. So heftig sei es aber noch nie gewesen.

Grosseinsatz

Insgesamt stehen am Sonntagnachmittag 70 Leute der Feuerwehr Herisau im Einsatz. Unterstützung erhalten sie von den Feuerwehren Hundwil und Degersheim. In St. Gallen werden Spezialisten angefordert, weil die Gefahr besteht, dass in einem Lager Chemikalien auslaufen. Bis spät in die Nacht hinein sind die Einsatzkräfte am Werk. Auch für die Anwohner ist kaum an Schlaf zu denken. Im Erlenbach ist beispielsweise eine Garage bis zur Decke mit Wasser gefüllt. Das Auspumpen dauert bis am Montagvormittag an. Erst dann können die Mieter die Aufräumarbeiten in Angriff nehmen, die Garage leeren und jegliche Utensilien ins Freie tragen: Velos, Autopneus, Fotoalben... Es wird nach Brauch- und Unbrauchbarem sortiert und gereinigt, was noch irgendwie verwendbar ist. Ähnliche Szenen sind im ganzen Dorf zu beobachten.

Regen erwartet

Die Einsatzkräfte reinigen derweil die Bäche vom Schwemmholz, damit das Wasser wieder fliessen kann. Für Mittwoch werden nämlich bereits neue Regenfälle erwartet.

Ungläubige Blicke: Die Anwohner der Alpsteinstrasse verschaffen sich nach dem Unwetter einen Überblick. (Bilder: Patrik Kobler)

Ungläubige Blicke: Die Anwohner der Alpsteinstrasse verschaffen sich nach dem Unwetter einen Überblick. (Bilder: Patrik Kobler)