Opium für die Füsse

Wer sie besitzt, der schämt sich fast: Die Rede ist nicht von CDs von James Blunt, Bon Jovi oder Semino Rossi, sondern von affen- oder elefantenfüssigen Riesenfinken. Eine Zeitlang waren sie hoch im Kurs, fast jeder Schuhladen verkaufte sie.

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Wer sie besitzt, der schämt sich fast: Die Rede ist nicht von CDs von James Blunt, Bon Jovi oder Semino Rossi, sondern von affen- oder elefantenfüssigen Riesenfinken. Eine Zeitlang waren sie hoch im Kurs, fast jeder Schuhladen verkaufte sie. In den vergangenen Jahren ist der Bestand ähnlich den Gemsen im Appenzellerland jedoch auf besorgniserregende Art zurückgegangen.

Die Riesenfinken mögen zwar für Nicht-Eingeweihte hässlich, kitschig und leicht kindisch wirken, doch meines Erachtens sind sie durchaus schützenswert. Analog der Ziege bringen sie dem Menschen mit wenig Aufwand so viel Nutzen. Die Hausschuhe können beispielsweise vor Drogenmissbrauch, bösartigem Schlagerkonsum oder Kitschromanen schützen.

Der weiche, flauschige Fetzen Polyamid umfasst den Fuss aufs zärtlichste. Die Welt, der eintönige graue Alltag, werden auf Distanz gehalten. Wie in Mutters Bauch fühlt man sich sicher, wohl aufgehoben, beschützt.

Die Sorgen um den Job, die nervigen Mitarbeiter, die fetten Boulevard-Schlagzeilen über Mord und Totschlag sind weit weg. Fast glaubt man darin, dass die Welt gut ist, gar immer besser wird, alle Wünsche in Erfüllung gehen, jeder sein Glück findet. Die Hausfinken als bequemes Schuhwerk für die Flucht aus der Realität.

Nur wer jemals in Gorilla-Füssen an einem kalten Winterabend einen heissen Punsch schlürfte, kann nachfühlen, was sich hinter diesen Zeilen versteckt.

Doch ist die Pantofola figura animalis vulgaris vom Aussterben bedroht. Eine Tierschutzorganisation hat sich bisher nicht gefunden, die sich für den Erhalt dieser Spezies einsetzt. Ebenso wenig will sich ein Parlamentarier ihr Überleben auf die politische Fahne schreiben. Leider. David Scarano

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