Open Airs: Für die einen ein Muss, für die anderen ein Graus. Im Bild Publikum am Open Air St. Gallen 2016. Bild: Benjamin Manser

Contra

Drucken
Teilen
Open Airs: Für die einen ein Muss, für die anderen ein Graus. Im Bild Publikum am Open Air St. Gallen 2016. (Bild: Benjamin Manser)

Open Airs: Für die einen ein Muss, für die anderen ein Graus. Im Bild Publikum am Open Air St. Gallen 2016. (Bild: Benjamin Manser)

Drei Tage Narrenfreiheit – so denken es wohl jeweils die Massen an «Musikliebhabern», die das Sittertobel in St.Gallen oder die Allmend in Frauenfeld stürmen. Und dementsprechend verhalten sie sich gerne: Die Ellbogen links und rechts im Einsatz, um sich auch ja ein gutes Konzertplätzchen zu ergattern, die Hände – mit einer oder auch zwei Flaschen Bier bestückt – wild gestikulierend in der Luft, die zuweilen wirren Rufe in einer Lautstärke weit über die unschädlichen 85 Dezibel hinaus: Friedlicher Musikgenuss geht anders! Zumal die gespielte Musik meist schlecht abgemischt ist: zu viel Bass, wenig Mitteltöne und eine Lautstärke, die das Herz eines jeden Musikkenners bluten lässt. Wer wirklich Musik hören will, legt sich zu Hause auf der guten Anlage eine alte Vinyl-Platte auf und gibt sich dem Gespielten ganz hin, statt in der jungen und nicht minder unwissenden Horde von Jugendlichen mitmischen zu wollen. Es scheint, als würden manche Festbrüder ein Open Air einem Freifahrtsschein gleichsetzten, à la am Open Air ist alles erlaubt: Da wird hier an eine Zeltstange uriniert, sich dort für ein Schläfchen zu fremden Menschen ins Zelt gelegt und hier alle Vorbeigehenden mit Filzstift signiert, bevor man am Montag wieder den Platz hinter den Schalter der Bank einnimmt. Eine Maskerade sondergleichen! Das man das nicht nüchtern aushält, scheint allen klar, die es einmal versucht haben. Aber: wer Musik hören will, will nicht immer auch saufen oder sich mit Besoffenen umgeben.

Musikgenuss soll allen und jedem freistehen. Wie bitte aber will man einem Kind erklären, warum schon um sieben Uhr morgens Bier getrunken und dazu ein Joint geraucht wird? Immer mehr Festivals werden zwar als familienfreundlich angepriesen, der Vorbildcharakter entspricht aber etwa jenem eines Big-Brother-Sternchens. Wenn dann noch ein berühmter US-amerikanischer Rapper mit dem Joint auf der Bühne steht und dem Publikum – mitunter auch Minderjährigen – zugrölt, will und kann man die Welt nicht mehr verstehen.

«Open-Airler» besiedeln immer ein kleines Stückchen Land, das sonst nur der Natur dient. Von den Müllbergen, die sie hinterlassen, abgesehen, leidet die Natur zuweilen das ganze Jahr unter den Hinterlassenschaften der «Musikliebhaber». Natur und Festival-Gänger müssen sich gleichermassen wieder regenerieren, und das ausschliesslich wegen dreier «spassiger» Tage.