«Ond glich goot's all wiiter»

Ein Kinderlied geht mir seit Wochen nicht mehr aus dem Kopf. Ich muss etwa vier Jahre alt gewesen sein, als Grossmutter mich auf den Knien hielt und sang: «En alte Posthalter vo 70 Jahr Alter kam müssig gefahren mit zwei und drei Schimmel.

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Ein Kinderlied geht mir seit Wochen nicht mehr aus dem Kopf. Ich muss etwa vier Jahre alt gewesen sein, als Grossmutter mich auf den Knien hielt und sang: «En alte Posthalter vo 70 Jahr Alter kam müssig gefahren mit zwei und drei Schimmel.

Die Schimmel, die waren so keck, und warfen den alten Posthalter in Dreck!» Dann liess sie mich, hopp, hopp, hoch fliegen und rückwärts ins weiche Kissen auf den Boden fallen. «Was ist ein Posthalter?», fragte ich. Grossmutter erklärte, dass dies eine kluge Respektsperson sei, welche viel zu entscheiden habe, und dass alle, die das Glück hätten, bei der Post arbeiten zu können, ein gutes Leben und ein sicheres Auskommen hätten. So wurde in meiner Phantasie dieser alte Posthalter, der wohl mit einem Zylinder auf dem Kopf in der Kutsche gefahren kam, fast zur Person eines Königs. Inzwischen bin ich selber 70, und die Post hat nicht mehr die Unantastbarkeit von damals. Ein stolzer Posthalter in der Kutsche, von mehreren Pferden gezogen, ist mir schon gar nie begegnet. Dass er damals in den Dreck gefallen ist, hat mir leid getan, trotzdem liess ich mich jeweils jauchzend vom Schoss meiner Grossmutter fallen.

Es gibt Bilder, die begleiten einen ein Leben lang, auch wenn man sie später revidieren muss. Wie oft müssen wir Vorstellungen und Hoffnungen begraben, Vertrautes aufgeben. Wie war es für unsere Vorväter, als die Schweiz vom Gulden auf den Franken wechselte? Als eine Bahn auf den Säntis gebaut wurde, die Landsgemeinde abgeschafft wurde, die Ausserrhoder Kantonalbank verschwand? Auch Berufe sterben aus, wie einst der des Schwertfegers oder heute der des Wagners. Dafür entstehen neue. Firmen verschwinden, andere werden gegründet. Was bleibt, ist des Menschen Herz, das immer schmerzt, wenn man sich von etwas Liebgewordenem trennen muss. So geht es uns manchmal wie dem alten Posthalter aus dem Kinderlied. Wir planen aufs beste, doch die Rosse, die wir glauben zu führen, gehorchen nicht immer dem Zügel.

Esther Ferrari

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