Olympia-Höchstleistung anderer Art

HERISAU. Er besucht seit 1994 alle Olympischen Spiele. Die Begriffe Sporttourist und Souvenirsammler werden ihm nicht gerecht. Enormes Wissen und 16 000 Artikel machen den Herisauer Markus Osterwalder zu einem «Kompetenzzentrum Olympia».

Lukas Pfiffner
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Markus Osterwalder in seinem «Reich»; er trägt Cobi, das Maskottchen der Olympischen Spiele von Barcelona 1992. (Bild: pf)

Markus Osterwalder in seinem «Reich»; er trägt Cobi, das Maskottchen der Olympischen Spiele von Barcelona 1992. (Bild: pf)

Wir treten in seine «Schatzkammer»; sie enthalte viel Wissen und Energie, sagt der 48jährige Markus Osterwalder. Eine spezielle Leidenschaft sei es schon. 60 kg schwere Maskottchen («die habe ich mit dem Auto aus Luxemburg und Kassel importiert») sind die auffälligsten Besitztümer, Pins und Briefmarken die kleinsten. Massen an Literatur, Eintrittskarten, Programmen, Uniformen, Musik-CDs und DVDs, Diplomen, Medaillen, Fackeln, Fahnen, Plakaten, Maskottchen, Kissen von Siegerehrungen sind säuberlich eingeordnet, aufgehängt, aufgestellt. «Jedes Teil hat seine Geschichte.» Was 16 000 Geschichten ergibt. «Diese Fackel von Montreal 1976 ist noch schlicht gehalten, jene von Sydney 2000 ist ein Kunstwerk mit Bumerangform und Opernhaus-Design.» «Diese Uniform haben die Volunteers an den Spielen von Mexiko 1968 getragen.» «Das Schneemandl dort von Innsbruck 1976 erhielt ich von der Frau des Erfinders.» «Nach einem Fernsehauftritt bei <Aeschbacher> haben sich viele Personen bei mir gemeldet: So die Tochter des verstorbenen Captains jenes Schweizer Fussballteams, das 1924 in Paris Silber gewann.» Dessen Medaille befindet sich nun in Osterwalders Besitz.

Angebot ausgeschlagen

Sein Grossvater ist nach Südamerika ausgewandert, er selber in Ecuador geboren. Er studierte in St. Gallen Betriebswirtschaft, erwarb ein Handelsdiplom, liess sich zum Grafiker ausbilden. Seit einigen Jahren ist er Inhaber der Matrix-Design & Kommunikation GmbH. Für seine Grafik-Diplomarbeit hat er in der Bibliothek des Internationalen Olympischen Komitees IOC in Lausanne recherchiert. «Ich wusste, dieses Thema wird mich durch das Leben begleiten.» Angefangen hat seine Olympia-Affinität vor 20 Jahren mit den amtlichen Berichten, den «official reports», der ehemaligen Organisatoren seit 1896. Es kam mehr und mehr dazu, der Raumbedarf wuchs – seit sechs Jahren belegt sein «Reich» ein Kellergeschoss von 70 Quadratmetern im Dorfzentrum. Im privaten Rahmen führt er ab und zu Besucher durch seine Sammlung. An einigen der schönsten Gegenstände erfreut er sich in der Wohnung. «Wie am ersten olympischen Plakat von Stockholm 1912 oder an einem Olympischen Diplom von London 1908.» Er habe ein Angebot erhalten, alles Material zu verkaufen und sich gleich als Museumsleiter anstellen zu lassen. «Aber das will ich nicht, noch nicht...» Er sei der jüngste Sammler dieser Art – weltweit, meint er aufgrund der Kontakte mit seinesgleichen.

«Olympic Memorabilia Project»

Es gebe Sammler mit sehr viel Geld. Auf Auktionen lassen sich Gegenstände kaufen; im Internet werde er manchmal günstig fündig. «Ich verkaufe auch Sachen, oder ich tausche. Wir sind gut vernetzt.» Das Hobby ist Berufung – und Teil des Berufs. Etwa eine Stunde pro Tag beschäftigt er sich mit Olympia, am Wochenende länger. Was denkt seine Frau? «Sie weiss, es gehört zu mir.» Seit zweieinhalb Jahren arbeitet er mit internationalen Fachexperten an einer Serie von acht wissenschaftlichen Katalogen und fünf sachbezogenen Büchern für den allgemeinen Buchhandel über olympische Memorabilien. Letztere sind als «schöner Einstieg für Olympia-Interessierte gedacht.» Das Projekt, ein Auftrag des Organisationskomitees der kommenden Sommerspiele in Rio de Janeiro, soll vor den Spielen von 2016 fertig sein. «Ich habe dafür schon über 60 000 Fotos von olympischen Objekten hergestellt.» Er erzählt es in jener Tonlage, in der ein anderer mitteilt, er habe am Tag zuvor drei Joghurts gekauft.

Traum von St. Moritz

Osterwalder war auch an den Spielen in London bei Radio- und Fernsehstationen zu Gast. Er sei punkto umfassenden, gestalterischen Wissens und Materials wohl die einzige Anlaufstelle dieser Art und besitze mehr Unterlagen als das IOC, stellt er sachlich fest. Die London-Organisatoren haben bei ihm Erkundigungen über die Gestaltung der vorgängigen Spiele eingeholt. Einen grossen Traum hat er. Dieser betreffe nicht die eine oder andere Medaille, die ihm fehle. Er denkt weiter. «Für den Fall, dass sich die Bewerbung von St. Moritz für die Olympischen Winterspiele 2022 konkretisiert und die Schweiz den Zuschlag bekommt, würde es mich enorm freuen, wenn ich in Design-Fragen in der Organisation mitarbeiten könnte.» Er ist bei allem Enthusiasmus aber realistisch. «Auch mit einer sehr guten Bewerbung wird es für das Bündnerland schwierig, die Spiele zu bekommen.»

www.theolympicdesign.com